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Wie ein Mainzer Student in Tansania unerwartet ein Star wurde

Mainz. Immer wieder wurde er von Fans angesprochen. Er erhielt Heiratsanträge. Wildfremde Mädchen riefen ihm auf der Straße seinen Namen nach. Zu Hause, in Mainz, ist der angehende Ethnologe Jörn Ratering einer von 35 000 Studenten an der Johannes-Gutenberg-Universität, und kaum jemand würde sich auf dem Hochschulcampus nach dem netten jungen Mann mit Dreitagebart umdrehen

Mainz. Immer wieder wurde er von Fans angesprochen. Er erhielt Heiratsanträge. Wildfremde Mädchen riefen ihm auf der Straße seinen Namen nach. Zu Hause, in Mainz, ist der angehende Ethnologe Jörn Ratering einer von 35 000 Studenten an der Johannes-Gutenberg-Universität, und kaum jemand würde sich auf dem Hochschulcampus nach dem netten jungen Mann mit Dreitagebart umdrehen. In Tansania ist der 26-Jährige ein Filmstar, seit er in zwei Filmen einen amerikanischen Rechtsanwalt und einen Studenten aus Deutschland, also gewissermaßen sich selbst, spielte. Dass der junge Deutsche keine Schauspielschule absolviert hat, störte in Ostafrika niemanden.2009 war der im westfälischen Schwerte aufgewachsene Ratering zum ersten Mal nach Daressalam geflogen, in die Metropole am Indischen Ozean, von der niemand so genau weiß, wie viele Millionen Menschen mittlerweile in der Stadt leben. Für ein Forschungsprojekt wollte er herausfinden, warum lateinamerikanische Telenovelas bei Zuschauern in Afrika so populär sind. Gemeinsam mit Tansaniern saß er vor dem Fernseher und notierte, worüber sich die Zuschauer während ihrer Lieblingsserien unterhielten. "Teilnehmende Beobachtung" nennen Ethnologen diese Arbeitsweise. "Wir haben alle bei Leuten gelebt, die selbst etwas mit dem Film zu tun haben", erzählt Ratering.

Das überraschende Angebot, selbst bei einer Filmproduktion die Rolle eines ausländischen Anwalts zu übernehmen, vermittelte Raterings Dozentin Claudia Böhme, die auch schon in Tansania vor der Kamera gestanden hatte. Der Mainzer gab sich den Künstlernamen Jörn Bleibtreu, weil er nicht mit seinem wirklichen Namen im Abspann erscheinen wollte und er am Vorabend gerade einen Film mit dem - in Afrika unbekannten - Moritz Bleibtreu gesehen hatte.

In der Produktion "Tears on Valentine Day", Raterings erstem Film, wird ziemlich dick aufgetragen: Es geht um Liebe, Eifersucht und einen mit Zauberei in den Wahnsinn getriebenen Geliebten. Seine Rolle spielte der Deutsche so gut, dass umgehend ein weiterer Auftrag folgte.



Seit etwa zehn Jahren entsteht in Tansania eine eigene Filmbranche, Tollywood genannt, die wie im Akkord dreht. Mittlerweile hat sich das Land, in dem es bis 1994 noch nicht einmal Fernsehen gab, zu einem Zentrum der Filmbranche in Ostafrika entwickelt. Gezeigt werden die Streifen oft in kleinen Hinterhofkinos, aber immer mehr Tansanier besitzen inzwischen Fernseher und DVD-Player. Händler schwirren durch den von Staus gelähmten Straßenverkehr der Metropole Daressalam und verkaufen die - oft raubkopierten - neuesten Produktionen.

Für die Filmschaffenden ist das ein hartes Geschäft: Darsteller, Drehbuchautoren und Regisseure brauchen meist einen Nebenjob, um über die Runden zu kommen. Ratering verdiente sich für seine erste Nebenrolle ein Honorar von umgerechnet 15 Euro. Seine Gastmutter, eine bekannte tansanische Schauspielerin, arbeitet als Gerichtssekretärin.

Mit Hollywood habe die tansanische Filmindustrie kaum etwas gemeinsam, sagt Ratering: "Aber es gibt auch in Tansania Stars und eine Yellow Press." Die Fans hätten ihn vor allem dafür gelobt, dass er anders als die meisten Weißen im Land Suaheli spreche. Weitere Rollen will der junge Mann vorerst allerdings nicht übernehmen, weil er zunächst seine Abschlussarbeit schreiben muss. Auch Starallüren liegen dem Studenten fern, eine Filmkarriere in Deutschland strebt der 26-Jährige nicht an: "Ich bin wirklich ein miserabler Schauspieler." epd

"Ich bin wirklich ein miserabler Schauspieler."

Jörn Ratering