| 20:17 Uhr

Gemeinsam für das Gemüse
Gärtnern, wo und mit wem man es nie erwartet hätte

 Im interkulturellen Frauengarten in Dillingen arbeitet man gemeinsam für das Gemüse: Sawsan Mahmaud, Ghaysaa Alsaid, Birgit Loris, Ülkü Ayyildiz und Faizah Ibrahem (v.l.) pflanzen Salat in ein Hochbeet.
Im interkulturellen Frauengarten in Dillingen arbeitet man gemeinsam für das Gemüse: Sawsan Mahmaud, Ghaysaa Alsaid, Birgit Loris, Ülkü Ayyildiz und Faizah Ibrahem (v.l.) pflanzen Salat in ein Hochbeet. FOTO: Iris Maria Maurer
Leichter integriert durch gemeinsamen Gemüseanbau und vom geheimen Guerilla-Grün zur offiziellen Patenschaft für einen städtischen Platz – Urban Gardening hilft gegen Heimweh und Hundeklos. Von Sophia Schülke

Gärtnern verbindet. Beim Sähen, Hacken und Ernten lernt selbst der gewitzteste Blätter- und Blütenfan noch dazu. Und, Pflanzen mit starken Wurzeln heranzuziehen lässt selbst Wurzeln schlagen. Diese Vorteile des heimischen Familiengartens potenzieren sich in einer kleinen Dillinger Parzelle, die von mehr als einem Dutzend verschiedenen Nationen beackert wird. In dem interkulturellen Frauengarten kommen seit 2016 Neubürgerinnen aus Syrien, dem Iran, Irak, Libanon oder der Türkei mit Deutschen zusammen, um gemeinsam Gemüse, Kräuter und Beerenobst anzubauen und zu verwerten.

Aber zwischen den drei Hochbeeten, dem Hügel- und den drei Flachbeeten wird auch gemeinsam gefeiert oder bei den neuen Freunden Ratschläge für alle Lebenslagen gesucht. „Wenn man etwas geerntet hat, gehört man dazu, es hat eine psychologische Bedeutung, wenn man davon erzählen kann“, berichtet Christine Wagner, Projektleiterin der interkulturellen Gärten in Dillingen. Ob Tomatenpflanzen gießen, Johannisbeeren zu Marmelade verarbeiten oder Ringelblumensalbe anrühren, das Lernen der deutschen Sprache ist bei der Gärtnerarbeit ein wichtiger Bestandteil, läuft aber parallel. Also praktisch orientiert, spielerisch und unverkrampft. „Wir haben ein begehbares Vokabular angelegt, bei dem alle Pflanzen mit zweisprachigen Schildern in Deutsch und Arabisch versehen sind“, sagt Wagner. Darüber hinaus ergeben sich für beide Seiten gewisse Aha-Effekte: Die Kleingärtner von Nebenan reichen ihre zu viel Schatten spendenden, abgeschnittenen Weinblätter in den interkulturellen Frauengarten weiter, wo die Blätter dankbar angenommen – und nach arabischem Rezept zubereitet –, den Geschmack der Erstheimat verbreiten. Die arabischen Frauen wiederum haben in einem hier verbreiteten Ziergehölz den Essigbaum, Sumach, erkannt. „So haben wir dieses fruchtige und säuerliche Gewürz wiederentdeckt“, erzählt Wagner.

Die Gärten sind ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Zukunftswerkstatt Saar, der noch einen interkulturellen  Teekräutergarten und eine Streuobstwiese in der Dillinger Saaraue betreibt. Für die drei Projekte wendet der Verein pro Jahr 10 000 Euro auf, die er über Spenden bezieht. Bisher gab es auch zweimal Unterstützung vom Sozialministerium.



Den Garten in die Stadt holen wollten auch Jan Brosowski und Christine Thomas, die vor gut zehn Jahren in Saarbrücken den Platz an der Ecke Mainzer Straße und Arndtstraße mit Blumen bepflanzt haben. „Wir wohnen gegenüber und konnten im Sommer nicht das Fenster aufmachen, weil es nach Hundeklo stank“, erinnert sich Jan. Inzwischen hat das Ehepaar mehrere tausend Euro in die Fläche investiert, 6000 Blumenzwiebeln gesteckt und wurde 2019 bei dem Projekt „Saarland zum Selbermachen“ mit einer Förderung des Saar-Ministerpräsidenten ausgezeichnet. Zwischenzeitlich musste es aber auch zwei Hibiskusbüsche als gestohlen melden, viele leere Flaschen wegräumen und sich, unter hauptsächlich bewundernden Komplimenten, auch einige merkwürdige Sprüche anhören. „Entweder man macht es selbst, oder es passiert gar nichts“, sagt Brosowski dazu nur. Der Garten war anfangs geheim, denn das Paar hat von der Stadt erst nach zwei Jahren eine Patenschaft für die Fläche angeboten bekommen. „Mein Vorgarten liegt eben zufällig in der Mitte der Stadt“, berichtet der „Guerilla-Gärtner“, der den Titel von den Anwohnern verpasst bekam.

Solches „Guerilla-Gardening“ kann ein Anstoß für urbanes Gärtnern sein, bei dem es darum geht, legal, dauerhaft, nicht kommerziell und gemeinschaftlich organisiert Grün in die Stadt zu bringen. Um das Leben zwischen Hochhaus und Straßenbahn optisch reizvoller, aber auch klimatisch angenehmer und ökologisch vielfältiger zu gestalten, werden Seitenstreifen, Baulücken, Brachen oder Flachdächer mit Zierpflanzen, Kräutern oder Gemüse verschönert. Die frühen Gemeinschaftsgärten fußten auf den Schrebergartenkolonien der Stadtränder und den Community Gardens, die in New York in den 70er Jahren im Zuge einer Fiskal- und Kreditkrise entstanden.

Interkultureller Frauengarten: Bei geeigneter Witterung freitags ab 16 Uhr, Kleingartenanlage Dillingen Nord, Parzelle 28, Kontakt unter Tel. (01 63) 2 12 50 47 und www.zwsaar.de

 Die Frauen starten mit dem Eingraben von Salatsetzlingen gut vorbereitet in die neue Saison.
Die Frauen starten mit dem Eingraben von Salatsetzlingen gut vorbereitet in die neue Saison. FOTO: Iris Maria Maurer
 Vokabeln werden hier auch gelernt, alle Schilder sind in Deutsch und Arabisch.
Vokabeln werden hier auch gelernt, alle Schilder sind in Deutsch und Arabisch. FOTO: Iris Maria Maurer
 Am Kräuterbeet arbeitet der Nachwuchs: Sidra pflanzt Kräuter unter Anleitung von Projektleiterin Christine Wagner ein.
Am Kräuterbeet arbeitet der Nachwuchs: Sidra pflanzt Kräuter unter Anleitung von Projektleiterin Christine Wagner ein. FOTO: Iris Maria Maurer
 Spaß gehört dazu, Jan macht es sich in einer Pause auf der Schaukel bequem.
Spaß gehört dazu, Jan macht es sich in einer Pause auf der Schaukel bequem. FOTO: Iris Maria Maurer
 Birgit Loris kennt sich mit Wildkräutern aus und sammelt sie für einen herzhaften Frühlingssalat.
Birgit Loris kennt sich mit Wildkräutern aus und sammelt sie für einen herzhaften Frühlingssalat. FOTO: Iris Maria Maurer