| 20:41 Uhr

Corona-Krise
Tristesse im sonst so geselligen Saarlouis

 Gähnende Leere herrschte am Sonntag auf dem Großen Markt in Saarlouis – der Grund sind die neuen Ausgangsbeschränkungen.
Gähnende Leere herrschte am Sonntag auf dem Großen Markt in Saarlouis – der Grund sind die neuen Ausgangsbeschränkungen. FOTO: Iris Neu-Michalik
Saarlouis. Am Tag eins der verschärften Ausgangsbeschränkungen ist die Festungsstadt wie leergefegt. Auch andernorts halten sich die allermeisten Menschen an die neuen Regeln – wenn auch nicht alle. Von Iris Neu-Michalik, Michael Kipp und Becker & Bredel

Die Krähen haben an diesem Wochenende in der Festungsstadt des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. die Regentschaft übernommen: Auf dem menschenleeren Kleinen Markt in Saarlouis scheuchen sie Schwärme hungriger Tauben auf. Am Eingang des Stadtparks, am neuen Festungsteil Ravelin V, verteidigen sie unter ohrenbetäubendem Krächzen ihre großen Nester hoch in den Baumwipfeln – ungestört vom sonst üblichen Autolärm. Die Natur, so scheint es, ist jetzt unter sich. Das Coronavirus hat die quirlige Festungsstadt in eine Art Schockstarre versetzt. Am Tag eins der neuen Ausgangsbeschränkungen (siehe nebenstehender Text), die die Landesregierung dem Saarland verordnet hat, um der Virenausbreitung Einhalt zu gebieten, gleicht Saarlouis einer Geisterstadt. Eisiger Wind und Sprühregen machen es an diesem Samstag den sonst so geselligen und feierfreudigen Menschen hier zusätzlich leicht, zu Hause zu bleiben. Kaum mehr als ein Dutzend Autos parken am frühen Nachmittag auf dem Großen Markt.

Das zeigt: Im Großen und Ganzen halten sich die Saarländer an die verschärften Regeln. Doch es gibt auch weiterhin Ausnahmen: So muss die Saar-Polizei etwa in der Nacht von Samstag auf Sonntag 22 Mal ausrücken, um Verstößen gegen die Allgemeinverfügung nachzugehen. „Einmal hatte eine Gaststätte offen“, sagte Stephan Laßotta, Sprecher der Landespolizei, am Sonntagmorgen. Alles andere seien „private Feiern gewesen.“ Insgesamt habe die Polizei „elf Strafanzeigen“ wegen Verstößen gegen die Verfügung geschrieben.

Bis Sonntagnachmittag, das Wetter ist inzwischen deutlich besser als am Vortag, muss die Polizei noch weitere 16 Mal ausrücken. „Jedoch zu keinen besonderen Vorfällen“, teilte ein Sprecher am Nachmittag mit. Derzeit seien die Menschen sehr sensibilisiert für die Ausgangsbeschränkungen, die die Verfügung vorschreibe, meinte er. Meist ginge es bei den Anzeigen um Gruppen von Spaziergängern, die mit mehr als fünf Leute unterwegs sind – die Grenze für Bewegung an der frischen Luft. Auch ein nicht erlaubter Besuch eines Spielplatzes ist dabei, eine Person geht offenbar gar durch den Saarbrücker Wildpark spazieren, obwohl dieser geschlossen hat. „Die Fälle waren alle unproblematisch zu behandeln“, erklärte der Sprecher.



Neben der Einsicht in die Notwendigkeit der Maßnahmen wirkt vielleicht auch die Androhung von Strafen: „Die Zahlen der Corona-Infizierten steigen unaufhörlich. Auch im Saarland. Die Lage ist ernst. Deshalb gelten die Ausgangsbeschränkungen, die wir im Saarland auch hart durchsetzen werden.“, sagte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) am Sonntagmorgen in einer Videobotschaft. Bereits vor dem Inkrafttreten der Verfügung hat Landespolizeichef Norbert Rupp die Vorgehensweise der Polizei erläutert: Bei Verstößen schreite man schnell ein und löse Ansammlungen auf. Wer dem nachkomme, werde nicht belangt. Wer sich weigere, auf den warte ein Strafverfahren mit Geldbußen bis 25 000 Euro. „Wir fotografieren diese Leute und ermitteln später, wer es war. Das gelingt uns meistens sehr gut“, so Rupp. Eine direkte Personalienaufnahme wolle man umgehen, da auch die Beamten unnötige Kontakte vermeiden sollen.

Doch nicht nur Versammlungen sind im Saarland derzeit verboten. Die eigene Wohnung darf man nur noch aus trifftigem Grund verlassen – dazu gehört etwa der Lebensmitteleinkauf. Andere Geschäfte haben ohnehin zum großen Teil geschlossen. Oder sie verkaufen nur noch wichtige Dinge des täglichen Bedarfs.

So liegen im Kaufhaus Pieper in Saarlouis Schuh-, Lederwaren-, Schmuckabteilung und Parfümerie hinter Gittern abseits im Dunkeln, ein Pfad an der Osterschokolade vorbei führt in die Lebensmittelabteilung. Auch dort ist das Personal jetzt weitgehend unter sich. Plakate und Bodenmarkierungen weisen die Kundschaft darauf hin, Distanz zu wahren. Im Vorbeigehen grüßen sich die wenigen Kunden. Man ist freundlich, auch wenn man sich nicht kennt. Auch das eine neue Erfahrung, die das Virus mit sich bringt. Sie zeigt, dass die Menschen in dieser Krise – auf Abstand – zusammenrücken. „Die Kunden bedanken sich sogar bei den Mitarbeitern, bei Kassiererinnen und Verkäuferinnen, dass sie die Stellung halten“, berichtet Abteilungsleiter Berthold Wagner.

In der Saarlouiser Altstadt, wo ungewohnte Tristesse herrscht, bieten manche Wirte Essen zum Abholen an. Ein Restaurant beglückt diesbezüglich mit einer ganz besonderen Geste: Es bietet für Mitarbeiter der medizinischen Dienste zum Dank Speisen zum halben Preis und kostenfreie Heißgetränke an. Mitmenschlichkeit hat derzeit offenbar Konjunktur.