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„IBA-Werkstatt“ in Saarbrücken
Ein Professor, drei Engel – und eine Großregion

  In der „IBA-Werkstatt“ im HTW-Hochhaus: Professor Stefan Ochs und die Studentinnen Fabienne Grund, Paulina Knobe und Alexandra Tishchenko (v.l.).
In der „IBA-Werkstatt“ im HTW-Hochhaus: Professor Stefan Ochs und die Studentinnen Fabienne Grund, Paulina Knobe und Alexandra Tishchenko (v.l.). FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Die „IBA-Werkstatt“ in Saarbrücken tüftelt an einer Internationalen Bauausstellung für das Saarland und seine Nachbarn. Schritt 1: „Sichtbar werden“. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Wer im Glashaus sitzt, muss mit Steinen werfen. Im Fall der jüngst gegründeten Saarbrücker „IBA-Werkstatt“ bietet sich dieses Bild ganz konkret an: Das vierköpfige Team muss Ideen nach draußen feuern, dass es nur so kracht. Vor allem aber sitzen Stefan Ochs, Architektur-Professor an der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), und seine drei Mitarbeiterinnen im rundum verglasten Erdgeschoss des HTW-Hochhauses, berüchtigt als „Skandaltower“. Das passt irgendwie. Denn auf seine Art „skandalös“ ist das Projekt einer „Internationalen Bauausstellung der Großregion“ (IBA GR) ebenfalls, misst man es an dem in der Politik eher bevorzugten risikofreien Pepita-Kleinformat. Im Gegensatz dazu nimmt sich eine IBA, die man als eine Art Ideen- und Forschungs-Labor für Stadt- und Regionalplanung begreifen kann, unverschämt viel Zeit: zehn Jahre plus zwei Jahre Vorbereitung. Außerdem pfeift eine IBA auf Standard-Themen und  -Strukturen, hisst das Banner „Think bigger“ und akzeptiert Fehlschläge und Misserfolge als Teil des Prozesses.

Nicht nur deshalb nennt Ochs eine IBA „politik-artfremd“, er kennt die mangelnde Popularität des Labels, das zwar jedes Architekten- und Stadtplaner-Herz schneller schlagen lässt, dem Bürger jedoch kaum etwas sagt. Womöglich hat mancher von der „IBA Emscher Park“ (1989-1999) gehört, aber dass aktuell in Heidelberg (2012-2022), Thüringen (2011-2023) oder Basel (2010-2020) Bauausstellungen laufen, wer nähme das zur Kenntnis?

Mit dem Markennamen IBA lässt sich also kein PR-Blumentopf gewinnen. Das weiß der HTW-Professor aus leidvoller Zehn-Jahres-Erfahrung. So lange schon bemüht Ochs sich, wechselnde Regierungschefs von einer saarländischen IBA zu überzeugen. Immerhin landete die Idee 2012 zur Prüfung im Koalitions-Vertrag und in einer innerministeriellen Arbeitsgruppe. Der Rest? Offiziell auf jeden Fall Schweigen. Bis die Idee wie Lochness im Januar 2019 erstmals wieder auftauchte, als Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) die Präsidentschaft beim Gipfel der Großregion übernahm. „Eine solche Ausstellung würde sehr viel Leben und wirtschaftliche Aktivität auf die Regionen der Großregion lenken“, sagte Hans damals. Doch erst rund ein Jahr später, vor etwa sechs Wochen, erfolgte dann bei einem Gipfel-Treffen der eigentliche Startschuss: Die IBA ging in die Vorbereitungs-, in die Prä-IBA-Phase. Und da sitzen sie nun, Ochs und seine drei Engel, wie er sie nennt: Alexandra (26), Paulina (25) und Fabienne (26), drei seiner besten Studentinnen. Das Quartett muss ein kleines Wunder vollbringen: Bis Ende des Jahres soll eine Machbarkeitsstudie vorliegen, ob eine IBA ein geeignetes Instrument darstellt, den Fortschritt im großregionalen Miteinander zu befördern.



400 000 Euro hat die eng mit der HTW verzahnte Saarbrücker Werkstatt zur Verfügung und zunächst mal nur ein Mandat bis Ende 2020. „Wir sollen hier nicht nur Inhalte für die IBA finden, sondern auch Vorschläge für die zukünftige Trägerstruktur machen“, sagt Ochs, Geht es nach der Prä-IBA-Phase weiter, kostet laut Ochs das Management rund eine Million Euro jährlich, und das zehn Jahre lang, von allen Gipfelpartnern finanziert. Was bekommt der Steuerzahler dafür? „Eine Qualifikationsmaschine“, sagt Ochs. Die Projekte, die die IBA unter ihr Label nehme, würden planerisch schlicht besser vorbereitet und mitunter auf den Ämtern auch schneller genehmigt. Das wüssten mutmaßliche Investoren oder Verwalter von Fördertöpfen bei Bund oder EU.

Eine IBA soll also die Kriech-Schritte, mit denen sich bisher das großregionale Zusammenwachsen vollzieht, in eine Stabhochsprung-Nummer verwandeln. Mit welchem Ziel? Besser Leben an der Grenze. Konkreter geht’s derzeit noch nicht, weil erstmal geprüft wird, welche Themen in Frage kommen. Dass Energie, Mobilität, Wohnen, Klima eine Rolle spielen werden, liegt auf der Hand, sagt aber genauso alles und nichts wie der vom Gipfel vorgegebene Slogan „Europa leben“. Man ahnt das Gähnen von Ochs, der nur eines nicht ist und sein will: langweilig. So steht denn ein Voltaire-Spruch auf der ersten Werbekarte: „Il faut cultiver notre jardin“, was man sinngemäß so übersetzen kann: Hört auf zu philosophieren, lasst uns für unser Glück sorgen. „Arbeiten wir im und am saarländischen Gärdche“, so beschreibt Ochs einen ersten Ideen-Strang. „Warum nicht zusammen mit Freunden den Garten Eden Saarraine gründen und Walzwerke in Bananenplantagen verwandeln?“, fragt er. (Denk-)Zäune verboten.

Die Realität sieht anders aus: Die Großregion ist 65 000 Quadratkilometer groß, hat zwölf Millionen Bürger, besteht aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg, Lothringen und der Wallonie in Belgien. Überall existieren Barrieren, zwischen Kommunen, Ländern, Kreisen, Departements, es gibt Verwaltungshürden zwischen Gemeinderäten, Parlamenten, nationalen Regierungen. Und dennoch soll eine IBA ein Entwicklungs-Leitbild für alle erfinden? „Wenn wir scheitern, scheitern wir“, ruft Ochs gleichermaßen fröhlich wie kampfeslustig in den äußerst großzügigen Büroraum der HTW. Er ist nicht gewillt, sich durch die Vermessenheit des transnationalen Anspruchs einschüchtern zu lassen. Auch nicht davon, dass Luxemburg schon seine eigene IBA Alzette-Belval in Angriff genommen hat, in Zusammenarbeit mit Frankreich im Grenzgebiet der einstigen Stahlstadt Esch sur Alzette. Sie soll 2022 bis 2032 laufen. Eine Konkurrenzveranstaltung? Ochs sieht das anders: Unter dem Dach einer „IBA der Großregion“ wäre Platz genug für mehrere regionale IBA-Projekte, sagt er. „Wir suchen noch nach einem Narrativ für eine solch große IBA.“

Der erste konkrete Schritt steht nun an, eine Kick-Off-Veranstaltung in Saarbrücken am 6. März mit hochrangigen Experten. Die IBA müsse jetzt vor allem eines leisten, „sichtbar werden“, sagt der HTW-Professor. Sie brauche nicht nur ein Design, sondern auch ein Gesicht. Ochs ist eitel genug, um zu wissen: Es ist seines.