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Riesenaufwand für Riesenbombe

Bergungskräfte erreichteten gestern im Rhein bei Koblenz mit Hilfe eines Kranschiffs einen Damm, um die Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg vor der Entschärfung trockenzulegen. Foto: Thomas Frey/dpa
Bergungskräfte erreichteten gestern im Rhein bei Koblenz mit Hilfe eines Kranschiffs einen Damm, um die Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg vor der Entschärfung trockenzulegen. Foto: Thomas Frey/dpa
Koblenz. Sie ist drei Meter lang, wiegt 1,8 Tonnen und wird am kommenden Sonntag weite Teile von Koblenz lahmlegen - die Fliegerbombe im Rhein, die wie so viele andere Blindgänger in diesen Tagen wegen des Rhein-Niedrigwassers zum Vorschein kam. Am 4. Dezember soll der Sprengkörper britischer Herkunft entschärft werden, ebenso wie eine kleinere US-Bombe und ein Nebelfass Von dpa-Mitarbeiter Christian Schultz

Koblenz. Sie ist drei Meter lang, wiegt 1,8 Tonnen und wird am kommenden Sonntag weite Teile von Koblenz lahmlegen - die Fliegerbombe im Rhein, die wie so viele andere Blindgänger in diesen Tagen wegen des Rhein-Niedrigwassers zum Vorschein kam. Am 4. Dezember soll der Sprengkörper britischer Herkunft entschärft werden, ebenso wie eine kleinere US-Bombe und ein Nebelfass. Für die Behörden eine organisatorische Herkulesaufgabe. Sie müssen die bislang größte Evakuierung wegen einer Bombenentschärfung nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland auf die Beine stellen.Schon die blanken Zahlen beeindrucken: Rund 45 000 der etwa 106 000 Einwohner von Koblenz müssen ihre Häuser verlassen. Ein Gefängnis, sieben Altenheime und zwei Kliniken werden geräumt. Derzeit loten Experten aus, wie viele Rettungskräfte gebraucht werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Hilfsorganisationen im Katastrophenschutz etwa plant bislang für das Wochenende mit mehr als 350 Fahrzeugen, mehr als 900 ehrenamtliche Helfer werden mit anpacken.

Die Stadt ließ 40 000 Handzettel drucken mit Tipps für Anwohner. Mitarbeiter des Ordnungsamtes klappern seit Dienstag die Briefkästen in der Sperrzone im Umkreis von 1,8 Kilometern zur Bombe ab, wie Stadtsprecher Thomas Knaak sagt. Man solle die Wohnung abschließen und möglichst die Rollläden herunterlassen, ist auf dem Zettel zu lesen. Auch sei an Medikamente, Babynahrung oder Ersatzkleidung zu denken.

Besonders aufwendig ist das Räumen des Gefängnisses, rund 200 Häftlinge werden umziehen. Los geht es mit den ersten Fahrten in andere Haftanstalten des Landes am Freitag, sagt Leiter Josef Maldener. Die 80 Kilometer entfernte Justizvollzugsanstalt Rohrbach in Wöllstein im Kreis Alzey-Worms hilft mit Bussen aus.



Mühe mache die Logistik, aber auch Sicherheitsaspekte, erklärt Maldener. "Wir haben zum Beispiel die Tätertrennung zu beachten." Wenn es sich um "Tatgenossen" handele, müssten die Häftlinge getrennt bleiben. "Außerdem können wir keinen Häftling in den Süden des Landes bringen, der am Montag einen Termin in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat."

Aus zwei Krankenhäusern müssen laut Feuerwehr etwa 200 Patienten verlegt werden. "Hier gibt es sehr viele Feinheiten zu beachten", sagt der Arzt Karl Heinz Kienle. Er war bei früheren Evakuierungen in Koblenz leitender Notarzt der Einsatzleitung. "Oberstes Ziel ist es, trotz der Umstände nicht in die Katastrophenmedizin abzudriften." Nicht jeder Patient könne in jedes beliebige Krankenhaus gebracht werden, sagt Kienle. "Sie können eine Dialyse-Abteilung nicht in ein Krankenhaus verlegen, das mit dieser Behandlung keine Erfahrung hat." Problematisch sei auch der Transport von Patienten der Intensivstation. "Diese Transporte müssen Vorrang auf den Straßen haben, damit es bei der Fahrt möglichst keine Erschütterungen gibt."

Im Fall von schwer demenzkranken Menschen müssen bei einer Verlegung vertraute Personen dabei sein, weiß Kienle. "Das ist wie bei einem kleinen Kind, das Angst hat." Darüber hinaus sei wegen Keimen Vorsicht geboten. Fahrzeuge, die Patienten mit dem sogenannten multiresistenten Keim transportierten, dürften anschließend nicht mehr im regulären Betrieb eingesetzt werden und müssten zur Desinfektion 24 Stunden stillgelegt werden. "Dieser Keim ist eine Crux für alle Krankenhäuser, den will keiner haben", sagt Kienle.