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Nachtwei: „Das Ziel eines sicheren Umfelds wurde verfehlt“

Zweibrücken. Auch fünf Zweibrücker Soldaten sind infolge des Afghanistan-Einsatzes gestorben. Grünen-Militärexperte Winfried Nachtwei zieht ein durchwachsenes Fazit der 13-jährigen Isaf-Mission. Einerseits sehe er Erfolge bei Bildung, Kindersterblichkeit und Einsatzfähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte. Andererseits gebe es heute in Afghanistan mehr zivile Opfer als zuvor – und der internationale Terrorismus sei keineswegs geschwächt worden. Tim-Kevin Kolf

"Quo vadis, Afghanistan?" Unter dieser Leitfrage zur Entwicklung Afghanistans während der letzten 13 Jahre und künftig, hatten die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik sowie der Reservistenverband zu einem Vortrag in die Niederauerbach-Kaserne eingeladen.

Referent Winfried Nachtwei war von 1994 bis 2009 Grünen-Bundestagsabgeordneter und ab 2005 Fraktionssprecher für Sicherheits- und Abrüstungspolitik. "Ich war in Mitverantwortung für die Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan", erklärte Nachtwei. Er zeigte auf, wie sich die Lage in Afghanistan und die Vorgehensweisen der Staaten während des Isaf-Einsatzes änderten. 2003 sprach man noch von dem "leichten Fußabdruck", den man hinterlassen wollte. Doch "Afghanistan galt als Friedhof der Invasoren!", erinnerte Nachtwei die Geschichte Afghanistans der Neuzeit. Bereits 2006 kam es denn auch zu schweren Kämpfen in Teilen Afghanistans. Trotzdem zog man 2007 eine positive Zwischenbilanz des Isaf-Einsatzes. "Die Anwesenheit der Bundeswehr ist so notwendig wie das Wasser zum Leben", ließen die Rechtsvertreter der Region Kunduz damals verlauten und Umfragen ergaben, dass 80 Prozent der Einwohner des Gebietes angaben, dass durch die Anwesenheit der Bundeswehr sich ihre Lage verbessert hatte.

Doch so erfreulich ging es nicht weiter, so der Ex-Bundestagsabgeordnete: "Es braute sich immer mehr zusammen. Aus Hinterhalten wurden komplexere Angriffe, was dann auch in dem Tod von Bundeswehrsoldaten gipfelte." Verbunden mit dieser Entwicklung trat auch ein Wechsel der Strategie der Soldaten vor Ort ein, die nicht mehr hauptsächlich auf einen positiven Eindruck bei der Bevölkerung abzielte, sondern mehr auf Gefahrenabwehr.

Nachtwei zog ein erstes Fazit anhand der Ziele, die man vor dem Einsatz ausgegeben hatte: "Die Terrorinfrastruktur hatte man zerstört, Al Quaida jedoch nur verdrängt. Der internationale Terrorismus ist keineswegs geschwächt worden." Als Indikator zog der Sicherheitspolitiker eine Statistik der UN heran, die besagt, dass die Zahl der Zivilopfer 2014 so hoch wie noch nie sei und dass somit das Ziel eines "sicheren Umfelds" verfehlt worden sei. Ein positiver Faktor sei für ihn die Einsatzfähigkeit und Eigenständigkeit der afghanischen Kräfte, die sich in den vergangenen Jahren stark verbessert habe. Ebenso sei die positive Entwicklung bei der Kindersterblichkeit und dem Bildungswesen ein Gradmesser für den Erfolg der Bemühungen.

Die Arbeit der deutschen Kräfte vor Ort lobt Nachtwei sehr: "Ich war 17 Mal vor Ort und kann sagen, dass sowohl die Militärangehörigen als auch die Zivilisten trotz Schwierigkeiten für ihre Familien eine hervorragende Arbeit geleistet haben."

Für zukünftige Einsätze zieht Nachtwei mehrere Lehren: Neben den Zielen, die im Vorfeld realistisch und präzise sein müssen, sowie dem frühen Entwickeln ist für ihn eins klar: "Wir müssen uns abschminken, westliche Muster auf ein Land überstülpen zu können."