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Mit dem Blindenhund ins Stadion

Tobias Fricke kommentiert für die sehbehinderten Stadion-Besucher ein Fußballspiel. Foto: dpa
Tobias Fricke kommentiert für die sehbehinderten Stadion-Besucher ein Fußballspiel. Foto: dpa
Mainz. Im ausverkauften Mainzer Bruchwegstadion geht es um alles oder nichts. Fußball-Zweitligist Mainz 05 spielt vor 20 000 Zuschauern um den Aufstieg. Auch Ottmar Miles-Paul sitzt in der johlenden Menge - mit Fan-Schal, einem kleinen Empfangsgerät in der Manteltasche und Kopfhörern auf den Ohren Von epd-Mitarbeiter Karsten Packeiser

Mainz. Im ausverkauften Mainzer Bruchwegstadion geht es um alles oder nichts. Fußball-Zweitligist Mainz 05 spielt vor 20 000 Zuschauern um den Aufstieg. Auch Ottmar Miles-Paul sitzt in der johlenden Menge - mit Fan-Schal, einem kleinen Empfangsgerät in der Manteltasche und Kopfhörern auf den Ohren. Der rheinland-pfälzische Behindertenbeauftragte ist selbst stark sehbehindert, auch mit dem kleinen Fernrohr, das er immer mit ins Stadion nimmt, kann er den Ball gewöhnlich nicht finden. Allerdings gibt es in Mainz bereits seit 2005 exklusiv für blinde Fans einen Live-Kommentar zu jedem Heimspiel. "Jetzt kommt der Ball noch einmal in den Mainzer 16-Meter-Raum hinein", muss Miles-Paul sich anhören. "Oje, oje, oje", stöhnt er, aber immerhin geht der Schuss am Mainzer Tor vorbei. Als junger Mann sei er häufiger in Stadien gewesen, ohne dem Spielverlauf folgen zu können. "Aber das war immer stinklangweilig", erinnert er sich. "Vor 20 Jahren habe ich deshalb mit den Besuchen aufgehört." Seit etwa zehn Jahren können sich blinde oder sehbehinderte Fußballfans jedoch in immer mehr deutschen Stadien dank spezieller Funkempfänger oder verkabelter Blinden-Sitzplätze den Spielverlauf kommentieren lassen. Mittlerweile gibt es das Angebot in 17 von 18 Bundesliga-Vereinen, in der Hälfte aller Zweitliga- und auch bei einigen Drittliga-Clubs. Je nach Stadion berichten Mitglieder des jeweiligen Fußballvereins, Journalistik-Studenten oder professionelle Sportreporter über den Spielverlauf. "Im Vergleich zu einer Drei-Minuten-Reportage ist das schon ziemlich anstrengend", erzählt einer der Kommentatoren, der Südwestrundfunk-Redakteur Oliver Böhm. Zehn Plätze für blinde und sehbehinderte Fußballfans sind im Mainzer Stadion reserviert. Die Karten verwaltet Marko Amon, ein eingefleischter Fußballfan: "Max 05" steht auf dem Geschirr seines schwarzen Blindenführhundes. Amon fährt mit seinem Labrador Max sogar zu den Auswärtsspielen der Mainzer. Dem Hund mache der Trubel nichts aus, versichert er. "Aber einige Stadien wollen keine Blindenhunde erlauben", sagt Amon. Richtigen Ärger habe es allerdings bislang nur in Kaiserslautern gegeben. "Spielreportagen sollten genauso selbstverständlich sein wie Rolli-Plätze", findet Regina Hillmann vom Hamburger Fanclub "Sehhunde", einem Zusammenschluss blinder und sehbehinderter Fußballfreunde. Trotzdem seien die meisten Blinden wohl auch in Zukunft auf Begleitpersonen angewiesen. Leitlinien auf dem Boden etwa seien zwar für die Orientierung in der Stadt äußerst nützlich, in einem Stadion mit vielen tausend Menschen jedoch kaum hilfreich.