| 20:16 Uhr

Lieder von Freiheit und Revolution

Hans Bollinger (links) und Oss Kröher bei der Matinee im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. Foto: Jörg Martin
Hans Bollinger (links) und Oss Kröher bei der Matinee im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. Foto: Jörg Martin
Reinheim. Die Besucher des Europäischen Kulturparks Bliesbruck-Reinheim erfuhren am vorigen Sonntag etwas Neues. "Deutsches Liedgut hat nicht unbedingt etwas mit dem Musikantenstadl zu tun", erklärte bei der vierten Matinee dieser Saison die Projektleiterin der Stiftung, Brigitta Faralisch Von Merkur-Mitarbeiter Jörg Martin

Reinheim. Die Besucher des Europäischen Kulturparks Bliesbruck-Reinheim erfuhren am vorigen Sonntag etwas Neues. "Deutsches Liedgut hat nicht unbedingt etwas mit dem Musikantenstadl zu tun", erklärte bei der vierten Matinee dieser Saison die Projektleiterin der Stiftung, Brigitta Faralisch. Ausnahmsweise stand sie vor der Bühne im kleinen knallorangefarbenen Zelt und begrüßte die Besucher. Der Mann, der dies sonst tat, war sozusagen indisponiert. Nein, Hans Bollinger, war nicht verhindert. Vielmehr war er dieses Mal der Künstler, der auf der Bühne am späten Sonntagvormittag für kulturellen Genuss sorgte. Der Vorsitzende des Vereins Begegnungen auf der Grenze e.V. hatte dieses Mal unter dem Motto "Hans Bollinger und Freunde" einen alten Weggefährten mit dabei: Oss Kröher. Den Pirmasenser Autor und Liedermacher, der eigentlich Oskar mit Vornamen heißt, kennt man gemeinhin aus der Formation "Hein und Oss". Dieses Mal trat er ohne seinen Zwillingsbruder Hein auf. Dennoch: Bollinger und Kröher harmonierten wie in alten Tagen. Kennen sich die beiden doch aus der Blütezeit der Liedermacher Mitte der 70er auf der legendären Burg Waldeck. Namen wie Franz Josef Degenhardt oder Reinhard May fallen einem da spontan ein. Doch zurück nach Reinheim. Freiheits- und Lieder der 1848er-Revolution standen um die Mittagszeit auf dem Programm. Das klingt nach trockener und schwerer Kost, führt aber ganz in die Irre. Nicht bei Oss Kröher. Der Mann schöpft aus einem schier unerschöpflichem Repertoire an musikkundlichen Fachwissen, das er zwischen den einzelnen Liedern beisteuert. So etwa bei einem Loblied auf das Gras, das der Gitarrist alleine vortrug. Ursprünglich in den USA dank Martina Reynolds entstanden, spricht sich "Gelobet sei das Gras" vor allem gegen den Beton aus. Amerika beschäftigte auch zahlreiche Deutsche, die Mitte des 19. Jahrhunderts auswanderten und dabei überlegten, was sie in die neue Heimat mitnehmen wollten. "Deutscher Nationalreichtum" widmet sich dem, was bei der Reise in die neue Welt den Auswanderern ein schöneres Leben verschaffen sollte. Der Titel kam beim Publikum an. Und dann Hoffmann von Fallersleben. Er war gar kein Adliger, erklärte Oss Kröher. Sein eigentlicher Name war August Heinrich Hoffmann, und er stammte eben aus Fallersleben. Mit seinem Namen protestierte er gegen die Obrigkeit und nannte sich nach seinem Herkunftsort. So ist denn auch "Bei einer Pfeif' Tabak", basierend auf der Melodie von "Ein Jäger aus Kurpfalz", ein Spottlied des Bürgers auf die Monarchie. Ironie ist ja die Waffe des Unterlegenen. Hans Bollinger hatte bei seinem Solo etwa "Der Desserteur" dabei. Ein Lied von Boris Vian aus dem Algerienkrieg, das Ludwig Harig übersetzte. Mit "Die Gedanken sind frei" schlossen die beiden Sänger und Musiker die Matinee und steuerten als Zugabe noch "Das Leibregiment" von Tucholsky bei.