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Corona-Epidemie
Ein Virus hat jetzt auch das Saarland im Griff

 Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern, wie hier das Hallenmasters im Februar in der Saarlandhalle, stehen auf der Kippe.
Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern, wie hier das Hallenmasters im Februar in der Saarlandhalle, stehen auf der Kippe. FOTO: Thomas Wieck
Saarbrücken. Die Corona-Epidemie wirft viele Fragen auf. Die Landesregierung versucht sich in Antworten – und will Großveranstaltungen absagen. Von Michael Kipp und Tobias Fuchs

Klaus Bouillon (CDU) ist kein Jammerer, eher einer, der Probleme lösen will. Dennoch: „Man kann nur hoffen, dass das schnell vorbeigeht“, sagte der Innenminister am Dienstag in Saarbrücken. „Aber ich fürchte, die Hoffnung wird nicht eintreten.“ Das Coronavirus macht dem 72-Jährigen zu schaffen. Irgendwie stellt das Virus derzeit alles in Frage, was bis gestern normal war.

Wie so ein Virus das Saarland verändert, zu welchen Maßnahmen es eine Regierung treibt, erklärte zuvor Regierungssprecher Alexander Zeyer. Er stellte „Ideen“ und „Pläne“ der Landesregierung vor, die die Ausbreitung des Coronavirus im Saarland verlangsamen, eindämmen oder gar aufhalten sollen. Geht das überhaupt? Verschwindet so ein Virus von selbst? Findet jemand einen Impfstoff dagegen? „Die Republik wird auf den Kopf gestellt – in allem“, fasste Bouillon die momentane Corona-Situation zusammen.

Zeyer hatte zuvor erklärt, dass die Landesregierung „ab sofort allen Veranstaltern im Saarland empfiehlt, keine Veranstaltungen mehr mit mehr als 1000 Besuchern durchzuführen.“ Damit folgt man in Saarbrücken der Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Aus der Empfehlung soll gar eine Verordnung werden, damit Kommunen solche Events einfacher verbieten könnten. Wahrscheinlich wird Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) diese Verfügung am Mittwoch in einer Regierungserklärung um 9 Uhr im Landtag bekanntgeben. Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländer haben solche Veranstaltungen bereits verboten. Allerdings gibt es im Saarland in den kommenden Wochen neben Fußballspielen keine Handvoll Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern (siehe Seite B 1). Wie lange soll die Regelung gelten? „Bis auf Weiteres“, sagte Zeyer. Bouillon merkte noch an, dass zum Beispiel das Land Rheinland-Pfalz empfiehlt, Veranstaltungen abzusagen, die „mehr als 200 Besucher in einem Raum haben. Da wird einiges auf uns zukommen“.



Auch in Schulen, an den Hochschulen, in Firmen arbeiten, lehren oder lernen teilweise mehr als 1000 Menschen. Für sie gilt die Empfehlung nicht. Warum nicht? „Das Wirtschaftsministerium hat bereits Unternehmen kontaktiert, mit der Bitte, Pandemiepläne zu erstellen. Das ist alles in Arbeit.“ Schulen? „Auch da wird es ein Maßnahmenpaket geben“, sagte Zeyer. Aber: „Ein Stadion kann man auch nicht mit einer Schule vergleichen, in der die Schüler in unterschiedlichen Räumen untergebracht sind“. Oder wie Bouillon sagte: „Wichtig ist, festzulegen, was ist notwendig und was ist verzichtbar. Da wird es schwierige Fragen geben. Aber eines ist klar: Was Freizeit ist, was dem Vergnügen dient, ist sicher nicht notwendig.“

Was nicht in Frage steht, ist, dass dieses Virus jeden Tag neue Fragen aufwirft. Am Dienstag zum Beispiel die, was mit Schülern passiert, die derzeit auf Klassenfahrten in Risikogebieten unterwegs sind. Wie 70 Schüler aus Lebach, die derzeit in Südtirol festsitzen (siehe Text unten). Wie genau es mit ihnen weitergeht, steht nicht fest. Bisher gebe es keinen einheitlichen Maßnahmen im Saarland, sie seien von Kreis zu Kreis unterschiedlich. „Das wollen wir angleichen“, sagte Zeyer.

Bis morgen will die Regierung auf Vorschlag von Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) Antworten auf immer wiederkehrende Fragen zum Umgang mit dem Virus erarbeiten. Dazu sollen Ministerien ressortübergreifend ein Maßnahmenpaket gegen das Coronavirus verfassen. Um das Paket zu schnüren, treffen sich die Ressortchefs am Mittwoch vor der Landtagssitzung in der Staatskanzlei. Welche Abläufe in welchen Maßgaben festgeschrieben werden, soll daher auch erst am Mittwoch bekanntgegeben werden.

Ein Problem, dessen Lösung wichtig wäre, liegt dabei nicht in der Hand der saarländischen Landesregierung. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin hat in einem Lagebericht erklärt, dass in der französischen Grenzregion Grand Est eine Quarantäne der Kontaktpersonen von Corona-Patienten und das Testen aller Verdachtsfälle aus „Kapazitätsgründen“ nicht mehr erfolgen könne (siehe Seite A 2). Das missfällt der Saar-Regierung. Pendeln doch Tausende jeden Tag aus Frankreich über die Grenze, um im Saarland zu arbeiten, zu shoppen. „Wir müssen erreichen, dass in Grand Est wieder getestet wird“, forderte Bouillon daher. Ministerpräsident Hans werde Jean Rottner, den Präsidenten von Grand Est, bitten, die „Testungen von eventuell infizierten Personen weiterhin aufrechtzuerhalten“, sagte Regierungssprecher Zeyer. Zumal Grand Est der vom Coronavirus am stärksten betroffene Teil von Frankreich ist. Zur Nachbarregion gehören Lothringen, das Elsass sowie Champagne-Ardenne. Im Saarland gebe es im Übrigen genügend Tests, erklärte Zeyer. Auf die Frage, ob das Saarland in Grand Est aushelfen will, gab es keine klare Antwort. Wie so oft in diesen Tagen.