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Lästige Volkskrankheit

Deutschland niest. Es schnieft. Es zieht die Nase hoch. Es kratzt sich. Deutschland ist, wie andere Industriestaaten auch, allergisch. Insgesamt 30 Prozent der Deutschen litten 2012 an einer Allergie oder Asthma - Tendenz steigend. Nach einer Rechnung der Berliner Charité beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden für die EU aufgrund von Behandlungskosten und Arbeitsausfällen von Allergikern auf etwa 100 Milliarden Euro jährlich. So gesehen ist nicht nur heute Allergie- und Asthmatag, sondern jeden Tag. Jan Althoff

Warum die Allergien , im Prinzip nichts als Überreaktionen des Körpers auf eigentlich harmlose Substanzen aus der Umwelt, sich bei uns derart ausgebreitet haben, ist wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Eine gewisse Rolle spielen wohl genetische Faktoren, einige Überreaktionen werden mit übertriebener Hygiene im Kindesalter erklärt, die ein Training des Immunsystems behindern soll. Allgemein wird die Zunahme mit verschiedenen Aspekten unseres "westlichen Lebensstils" in Verbindung gebracht, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in einer Untersuchung mit dem Titel "Häufigkeit allergischer Erkrankungen in Deutschland". Untermauert wird diese Theorie dadurch, dass nach der Wiedervereinigung in der ehemaligen DDR trotz höherer Umwelt-/Luftverschmutzung weniger allergische Erkrankungen registriert wurden.

Inzwischen habe sich, heißt es in der Untersuchung, "mit der Angleichung der Lebensstile auch die Prävalenz der Allergien zwischen Ost und West angeglichen". Heißt übersetzt: Auch im Osten haben sich die Allergien ausgebreitet.

Weiterhin ungleich verteilt sind allergische Erkrankungen unter den Geschlechtern: Generell gilt, dass Frauen eher Allergien entwickeln als Männer. 35,8 Prozent der Frauen, aber lediglich 24,1 Prozent der Männer hatten nach einer Erhebung von 2012 mit einer allergischen Erkrankung zu kämpfen. Besonders hoch ist der Unterschied bei den Kontakt-Ekzemen (3,4 Prozent gegen 12,7 Prozent).



Warum das so ist? Auch hier gibt es nur Theorien. Vorstellbar sind zum einen Geschlechtsunterschiede bei der Berufswahl - zum Beispiel üben mehrheitlich Frauen Berufe wie Friseurin und Putzfrau aus, bei denen die Haut mit potenziell allergenen Chemikalien in Kontakt kommt. Zum anderen könnte "unterschiedlich häufiger Kontakt zu Modeschmuck und Duftstoffen" (Weißbuch Allergie in Deutschland 2010) eine Rolle spielen. Eine Theorie zur Erklärung, warum Frauen besonders anfällig für Lebensmittelallergien sind: Sie essen abwechslungsreicher als Männer und haben damit Kontakt mit mehr allergieauslösenden Stoffen. Eine Erkenntnis, die viele Männer in ihrer eher einseitigen Ernährung bestätigen dürfte.

Wer glaubt, eine Allergie zu haben, muss beim Arzt einen Allergietest über sich ergehen lassen. Der Pricktest ist die wohl bekannteste Art des Allergietests. Dabei werden in Flüssigkeit gelöste Spuren des vermuteten Allergens auf die Haut gegeben. Dann wird an den entsprechenden Stellen mit einer Nadel oder Lanzette in die Haut gestochen, so dass das Allergen unter die Hautoberfläche gelangt. Besteht eine Allergie, entsteht innerhalb der nächsten Minuten eine Quaddel um die Einstichstelle.

Beim Reibtest werden keine Allergenlösungen verwendet. Stattdessen werden die Allergie auslösenden Substanzen in ihrer Ursprungsform durch Reiben in Kontakt mit der empfindlichen Haut an der Innenseite der Unterarme gebracht.

Der Epikutan-Test wird auch Pflaster-, Läppchen- oder Patchtest genannt. Pflasterstreifen mit Testsubstanzen in geeigneter Verdünnung werden auf den Rücken des Patienten geklebt. Nach etwa zwei Tagen, wenn die Pflaster entfernt werden, lassen sich die Reaktionen ablesen.

Das einfachste Mittel, um allergische Reaktionen zu verhindern, ist das Meiden des Auslösers (Karenz). Soweit das möglich ist: Geht es nur um ein bestimmtes Lebensmittel, braucht man das nur weglassen; ein allergieauslösendes Haustier abzugeben kostet schon mehr Überwindung. Sind die Allergieauslöser allerdings in der Umwelt beziehungsweise dem Lebensumfeld des Patienten allgegenwärtig - Stichwort Pollen -, kann man den Kontakt schwerlich vermeiden.

In solchen Fällen kann eine Hyposensibilisierung (dem Patienten wird der Allergie-Auslöser in steigender Dosis verabreicht, um ihn dagegen unempfindlich zu machen) helfen, oder, wenn alle Stricke reißen, eine medikamentöse Behandlung (meist mit Antihistaminika oder Cortison).

Auf dem Vormarsch sind Allergien auch bei Kindern. Hier können Eltern mit diversen Maßnahmen zumindest versuchen, das Allergie-Risiko des Nachwuchses zu verringern. Die Techniker Krankenkasse etwa zählt folgende Maßnahmen auf:

Kein Zigarettenrauch im Wohnumfeld des Kindes.

Vier Monate stillen Insbesondere Kinder aus allergiebelasteten Familien sollten, wenn möglich, vier Monate voll gestillt werden. Falls trotz aller Anstrengung ein ausschließliches Stillen nicht möglich ist, wird für Risikokinder eine Spezialnahrung (HA) empfohlen. Ziegen- und Schafsmilch sowie Sojagetränke sind als Ersatz für Muttermilch nicht geeignet.

Beikost schrittweise einführen. Die Beikost beginnt damit, schrittweise Milchmahlzeiten durch Breimahlzeiten zu ersetzen und gegen Ende des ersten Lebensjahres auf die Familienmahlzeiten umzustellen.

Haustiere Der Einfluss von Haustieren auf die Entstehung von Allergien wird zurzeit kontrovers diskutiert. Daher sollte man sich als Risiko-Haushalt keine neuen Haustiere mit Fell oder Federn anschaffen.

Empfohlene Schutzimpfungen Auch bei allergiegefährdeten Kindern sollten die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen durchgeführt werden.

Sinnvoll außerdem Cremes und Shampoos, die frei sind von Duft- und Farbstoffen; kein frühes Ohrlochstechen; kein frühes Tragen von Modeschmuck ; kein Kinderparfüm; regelmäßiges Lüften, keine Raumsprays, Luftschadstoffe im Innenraum minimieren; Innenraumklima mit hohen Raumluftfeuchten vermeiden, damit kein Schimmelpilz förderndes Innenraumklima entsteht.

Quellen:

www.ecarf.org

www.daab.org

www.aok.de

www.tk.de

www.rki.de