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Kreative mit Guerilla-Methoden

Berlins neue Stadt-Guerilla: Philipp Ruch vom "Zentrum für Politische Schönheit". Foto: Nietfeld/dpa
Berlins neue Stadt-Guerilla: Philipp Ruch vom "Zentrum für Politische Schönheit". Foto: Nietfeld/dpa
Berlin. Berlins neue Stadt-Guerilla kommt adrett gekleidet um die Ecke. Weiße Sneaker, feines Hemd - wie ein Raubein sieht Philipp Ruch nicht aus. Dabei werden ihm und seinen Freunden vom "Zentrum für Politische Schönheit" Wild-West-Methoden vorgeworfen Von dpa-Mitarbeiter Haiko Prengel

Berlin. Berlins neue Stadt-Guerilla kommt adrett gekleidet um die Ecke. Weiße Sneaker, feines Hemd - wie ein Raubein sieht Philipp Ruch nicht aus. Dabei werden ihm und seinen Freunden vom "Zentrum für Politische Schönheit" Wild-West-Methoden vorgeworfen.Die Aktivisten haben sich auf spektakuläre Weise mit dem Waffenhersteller Krauss-Maffei-Wegmann (KMW) angelegt, einem der größten Rüstungskonzerne der Welt. Um den Export von Kampfpanzern nach Saudi-Arabien zu stoppen, setzten die Aktionskünstler im Mai ein "Kopfgeld" von 25 000 Euro auf die Konzerneigentümer aus: Das Geld gebe es für Informationen, die zu deren Verhaftung führten - etwa für Hinweise über Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder andere Delikte. Zudem bekamen die KMW-Eigner Briefe mit Patronenhülsen zugesandt.

Ruchs Leute nennen das "aggressiven Humanismus" und sehen sich künstlerisch gar in Tradition des Autorenkreises "Gruppe 47". Andere verstehen es als übles Denunziantentum. So beklagen sich die KMW-Eigentümer über "Cybermobbing" und als Kunstaktion getarnte "Morddrohungen". "Sie haben 25 000 Euro auf meine Reputation und die Integrität meiner Familie und weiterer Personen im Internet ausgesetzt und damit begonnen, diese zu beschädigen", beschwert sich Burkhart von Braunbehrens, einer der KMW-Eigner und selbst Künstler.

Braunbehrens machte öffentlich Front gegen eine Lieferung von bei KMW entwickelten Leopard-2-Panzern an Saudi-Arabien. Er malt gerne Blumen, "zum größeren Teil" lebt er aber von seiner Firmenbeteiligung, wie er dem Magazin "Stern" sagte. Das Unternehmen Krauss-Maffei-Wegmann mit Sitz in München baut vor allem Kettenfahrzeuge, unter anderem den Kampfpanzer Leopard. 2010 machte KMW einen Umsatz von 878 Millionen Euro.

Philipp Ruch, den Gründer und Kopf des "Zentrums für Politische Schönheit" (ZPS), kann man inzwischen nur noch konspirativ in Cafés treffen. Wo die ZPS-Büroräume sind, hält das Kollektiv geheim. Man könne nie wissen, wer einen "Akt politischer Schönheit" verhindern wolle, sagt Ruch und wird dann ziemlich ernst. "In jedem anderen Land wären wir längst tot oder im Untergrund."

Das ZPS gründete der 31-Jährige im Jahr 2008. Seither fiel der Bund von Künstlern und Menschenrechtlern mit einigen Aktionen auf. 2010 türmten sie einen Berg aus 16 744 Schuhen vor dem Brandenburger Tor auf, um an die Opfer des Massakers in Srebrenica während des Bosnien-Krieges zu erinnern - welches UN-Blauhelme nicht verhindern konnten.

"Wir sind keine Pazifisten", betont Ruch. Auschwitz sei nicht von NGOs oder Friedensaktivisten, sondern von Soldaten befreit worden. Der Export von Leopard-Kampfpanzern nach Saudi-Arabien diene dagegen nur wirtschaftlichen Interessen, keinen sicherheitspolitischen.

Sympathisanten hat das "Zentrum für Politische Schönheit" einige gewonnen, allein bei Facebook sind es über 8000. Auch Intellektuelle stellen sich hinter die Gruppe, etwa Peter Grottian, Politologe und Aktivist des linken Spektrums.

Beim Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) wird indes geprüft, ob gegen das "Zentrum für Politische Schönheit" ein Verfahren wegen "Verstoßes gegen das Redlichkeitsgebot in der politischen Kommunikation" eingeleitet wird. "Wir gehen einer Beschwerde nach, die uns erreicht hat und sich mit der Frage der ethischen Grundsätze von Kampagnen auseinandersetzt", sagt der Vorsitzende des Beschwerdeausschusses Politik beim DRPR, Cornelius Winter. Findet der Rat Anhaltspunkte für eine Überschreitung ethischer Grundsätze, könnte er etwa eine Rüge verhängen.

Philipp Ruch und seine Mitstreiter zeigen sich davon nicht beeindruckt, im Gegenteil. "Wir überlegen ernsthaft, ob wir auch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Belohnung aussetzen", sagt Ruch. Letztlich könne Krauss-Maffei-Wegmann nämlich nur Panzer liefern, wenn die schwarz-gelbe Bundesregierung die Geschäfte genehmigt. "Wir sind keine Pazifisten."

Aktivist

Philipp Ruch