| 20:25 Uhr

Iranisches Stück in Forbach
Das Ungesagte in harsche Worte gepackt

 Die Männer und Frauen, die Mona Ahmadi, Leyli Rashidi und Saeid Changizian (v.l.) spielen, stoßen permanent an äußere Grenzen.
Die Männer und Frauen, die Mona Ahmadi, Leyli Rashidi und Saeid Changizian (v.l.) spielen, stoßen permanent an äußere Grenzen. FOTO: Hossein Shojaei
Forbach. Amir Reza Koohestani zeichnet mit „Summerless“ im Carreau ein feines Bild iranischer Seelenlandschaften. Von Sophia Schülke

Im Iran sagt man „merci“, und eine Lawine von Ungesagtem wird unter dem Kreisen einer Fledermaus erst richtig groß. Was der Zuschauer am Donnerstagabend aus dem Forbacher Carreau an Handfestem mitgenommen hat, schien beim Schlussapplaus zunächst überschaubar. Es braucht Zeit, bis es durchdacht ist, denn „Summerless“ ist kein leicht zu konsumierendes Stück.

Das Bühnenwerk des iranischen Theatermachers Amir Reza Koohestani wurde von den drei Darstellern in Farsi aufgeführt. Das bedeutete für den Großteil des Publikums, dass es an diesem 70-minütigen Theaterabend 99,99 Prozent des gesprochenen Wortes nicht verstand. Mit Ausnahme von besagtem „merci/mersi“, das frankophone Iraner gerne verwenden. Abhilfe schaffte deutsche und französische Übertitelung. Allerdings hat Koohestani sein Werk sehr stark auf Dialog gebaut, weshalb nicht Farsi-Bewanderte mit den Augen am Schriftband kleben mussten. Aber auch schauspielerisch hob man sich von gängigen Theatererfahrungen ab.

Mona Ahmadi, Saeid Changizian und Leyli Rashidi spielen ihre Rollen – eine junge Mutter, ein Lehrer und eine Aufseherin, die immer wieder auf dem Hof einer iranischen Mädchenschule aufeinandertreffen – körperlich sehr statisch. Meist sitzen oder stehen sie, rezitieren beinahe bewegungslos. Ein ungewohnter Kontrast, der sich unverhofft potenziert – und zwar durch das minutenlange, kongeniale Kreisen einer aufgescheuchten Fledermaus über der Bühnenkulisse. Denn sonst bewegt sich nur der Künstler (Saeid Changizian), der vergeblich Slogans der Islamischen Revolution übermalen soll, auffällig viel.



Auch die bedächtige Art, mit der Koohestani die Wünsche und die Angst seiner Figuren freilegt, ist anstrengend zu verfolgen. Sie entfaltet aber langsam ihre Wirkung. Kaum begegnen sich Lehrerin und Aufseherin, Aufseherin und Künstler, arten ihre Dialoge zu harschen Verhören aus, kreisen Minute um Minute um etwas ganz Anderes, etwas Verborgenes, das vorsichtig, zwischen Frage und scharfem Vorwurf, Antwort und resignierter Floskel herausgeschält wird. Und mit einem Mal wird überraschend sichtbar, wie die Drei wirklich zueinanderstehen.

Mit diesen Mitteln zieht die Inszenierung ihre Zuschauer, der hohen sprachlichen Hürde zum Trotz, in die politische, aber vor allem zwischenmenschliche Dimension des Konflikts, den Koohestani ausbreitet. Statisches Spiel, begleitet von Dialogen voll Ungesagtem, offenbart so einen der Spagate, zu dem Menschen in einem System harter staatlicher Repressionen gezwungen werden: Wie das Intime, wahre Gefühle und Gedanken, in eine Realität aus Unterdrückung, Zensur, Arbeitslosigkeit und Misstrauen retten? Wie schwierig, einengend und verlustreich das sein muss, führt „Summerless“ den Geduldigen dosiert und zartfühlend vor Augen.