| 00:00 Uhr

Knochen stammen von Raubgräbern

Mainz. Raubgräber wühlen vor mehreren Jahrzehnten als „Viererbande“ in Baugruben nach archäologischen Funden. Eines ihrer Depots gerät in Vergessenheit. Erst jetzt wird es in einer ehemaligen Fabrik entdeckt. Von dpa-MitarbeiterJens Albes

Der schlagzeilenträchtige Fund alter Menschenknochen und historischer Gefäße in Bingerbrück am Rhein geht laut Experten auf neuzeitliche Raubgräber zurück. Diese hätten als "Viererbande" in den 1960er und 70er Jahren im Rhein-Main-Gebiet in Baugruben nach archäologischen Funden gesucht, teilte die Leiterin der Außenstelle Mainz der rheinland-pfälzischen Landesarchäologie, Marion Witteyer, am gestrigen Dienstag mit.

Ein Teil ihrer Funde sei in einer früheren Kalkfabrik in Bingerbrück gelandet. Die kürzlich dort in Bananenkisten entdeckten Kannen, Krüge, Töpfe, Teller und Fliesen stammten aus verschiedenen Jahrhunderten von der Römer- bis in die Neuzeit. Bei drei menschliche Schädeln handele es sich laut dem Landesarchäologen und Anthropologen Axel von Berg um Reste von mindestens 300 Jahre alten Bestattungen.

Die Funde tragen teils Ortsangaben und stammen demnach aus Mainz, Worms, Bingen und Alzey. Wilde Grabungen waren laut Witteyer in der Nachkriegszeit weit verbreitet. "Es gab damals teils geduldete, teils mit selbst gefertigten Pseudoausweisen ausgestattete sogenannte Hobby-Archäologen, die beherrschten die Baugruben im Stadtgebiet."

Der rheinland-pfälzische Kulturstaatssekretär Walter Schumacher (SPD) sprach von kriminellen Handlungen und einer Belieferung des Kunsthandels. Laut Witteyer teilte die "Viererbande" wohl ihre Funde. "Es ging teils turbulent zu, mit der Androhung von Prügel und noch mehr." Die Bandenmitglieder seien ihr namentlich bekannt, sagte Witteyer. Sie seien nun "ältere Herren" und früher bürgerlichen Berufen nachgegangen.

Weit mehr als 30 Jahre zurückliegende Raubgräberfunde aus Baugruben gelten nach Angaben der Staatsanwaltschaft Mainz nur als verjährte Ordnungswidrigkeiten. Der Chef der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Thomas Metz, sagte, die Entdeckungen hätten wegen fehlender Angaben für die Wissenschaft an Wert verloren. Vermutlich seien es Stücke, die sich seinerzeit weniger gut verkaufen ließen. Zugleich gibt es bei den Funden Hinweise auf die Weitergabe eines wertvolleren römischen Kindersarkophags an ein Auktionshaus.

Von Berg kündigte an, die Landesarchäologie werde die Keramik weiter unter die Lupe nehmen und auch prüfen, wem sie nun gehöre. Gefunden hatte sie ein Mann in dem Bingerbrücker Gemäuer.

Seit 1978 hat Rheinland-Pfalz ein eigenes Denkmalschutzgesetz, das auch den Umgang mit archäologischen Funden regelt. "Zudem ist das Bewusstsein für das kulturelle Erbe bei vielen Menschen deutlich gestiegen", betonte Kulturstaatssekretär Schumacher.