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Kirche setzt Schwester Ulrika vor die Tür
Kirche wirft „Engel von Hüttigweiler“ raus

Schwester Ulrika Troidl wird von vielen in Hüttigweiler sehr geschätzt.
Schwester Ulrika Troidl wird von vielen in Hüttigweiler sehr geschätzt. FOTO: Thomas Wieck / Wieck
Hüttigweiler/Trier/Mainz. Marien-Schwester Ulrika Troidl sorgt sich seit 44 Jahren in Hüttigweiler um Kranke. Jetzt muss sie ihre Wohnung räumen.  Von Dietmar Klostermann

In Illingen-Hüttigweiler lebt seit 44 Jahren eine Frau, die den meisten als die gute Seele des Ortes gilt, manche sehen in ihr sogar den „Engel von Hüttigweiler“. Schwester Ulrika Troidl (74) vom Mainzer Marienorden ist quasi rund um die Uhr für die Ortsbewohner da. Sie wird auch nachts gerufen, wenn ein Mensch im Sterben liegt, um ihm und Angehörigen Trost zu spenden. Aber auch wenn Kinder sich beim Spielen auf der Straße verletzen, ist Schwester Ulrika zur Stelle.

Doch ihr Orden in Mainz hat ihre Wohnung im Schwesternhaus gekündigt, obwohl Ulrika Troidl noch bis zu ihrem 75. Geburtstag im nächsten Jahr ihren selbstlosen Dienst in Hüttigweiler verrichten wollte. „Die Marien-Schwestern haben den Mietvertrag gekündigt. Die Kirchengemeinde hat die Kündigung nur bestätigt“, erklärt Dominik Holl von der Presseaußenstelle des Bistums Trier in Saarbrücken. Damit weist Holl die scharfe Kritik zurück, die seit Monaten gegen den Illinger Pfarrer Dietmar Bell und den Pfarrverwaltungsrat aus der Laienschaft geäußert wird. Denn dort wird nach Merkur-Informationen gemutmaßt, dass Bell es im großen Schatten der mildtätigen Schwester nicht länger aushalten konnte. Norbert Penth, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins Hüttigweiler, sagt: „Jede andere Gemeinde wäre froh, jemanden wie Schwester Ulrika zu haben. Sie ist selbstlos. Das ist erschütternd und enttäuschend, wie man mit ihr umgeht.“ Er sieht jedoch keine Chance mehr, dass es noch eine Einsicht der für den Rausschmiss der Schwester Ulrika Verantwortlichen gibt.

Dem Merkur liegt ein Schreiben einer Saarbrücker Rechtsanwaltskanzlei vom Mai diesen Jahres vor, in dem die von der Kanzlei vertretene Kirchengemeinde den Marien-Schwestern Mainz mit einer Räumungsklage droht, falls Schwester Ulrika nicht bis zum 31. August ihre Wohnung im Hüttigweiler Schwesternhaus räume. Denn zwischenzeitlich hatte Ulrika Troidl selbst einen Anwalt eingeschaltet, um zu betonen, dass nicht ihr Orden, sondern sie selbst Mieterin der Wohnung sei. Wie der Sprecher des Trierer Bischofs Stephan Ackermann, André Uzulis, dem Merkur sagte, müsse Schwester Ulrika dem Gehorsam gegenüber ihrer Schwester Oberin Donata verpflichtet sein. Daher könne Bischof Ackermann in dieser Sache auch nicht einschreiten, da es sich zudem noch um ein anderes Bistum, nämlich Mainz handele. Uzulis sagte, dass der Konflikt in Hüttigweiler sehr wohl in Trier bemerkt worden sei. Es gehe jetzt um Wege und Möglichkeiten, den Frieden in Hüttigweiler wiederherzustellen. Der Illinger Pfarrer Dietmar Bell will sich nicht zu seinem Vorgehen bezüglich Schwester Ulrika äußern und verweist an Uzulis.



Einstweilen ist von Frieden in Hüttigweiler keine Spur. „Jeder hier ist fassungslos“, erklärt der ehemalige Landrat des Kreises Neunkirchen, Rudolf Hinsberger (SPD). Schwester Ulrika habe sich über Jahrzehnte Verdienste im Ort erworben, habe immer ihre Miete gezahlt und das Schwesternhaus unterhalten. „Was mich wundert, ist, dass Pfarrer Bell die Rückendeckung aus Trier hatte für die Kündigung des Mietverhältnisses“, sagt Hinsberger. Das kirchliche Leben werde von der Entscheidung nachhaltig belastet. „Dem Bischof in Trier ist es offenkundig egal“, meint Hinsberger.

Auch der ehemalige Hüttigweiler Ortsvorsteher Walter Schreiner ist „tief enttäuscht und verärgert“. „Für uns alle ist das eine Katastrophe, wie mit Schwester Ulrika umgegangen wird“, sagt Schreiner. Es habe über die Kündigung der Wohnung keine Information im Gemeindeblatt gegeben. „Warum nicht?“, fragt er. Pfarrer Bell habe sein Handeln im Gottesdienst nie erklärt. Die Folgen des unwürdig wirkenden Zwangsabschieds von Schwester Ulrika sind mit Händen zu greifen: Das traditionelle Kapellenfest in Hüttigweiler musste die Gemeindeleitung am vergangenen Wochenende absagen, weil, wie Schreiner berichtet, die Spenden ausblieben, die Sponsoren absprangen und nicht mehr genug Freiwillige für die Organisation bereitstanden. „Schwester Ulrika ist eine Seele von Mensch.“ Sie habe Schwerstkranke besucht, aber auch Ausflugsfahrten organisiert und zünftige Karnevalssitzungen. „Die ist keine Betschwester fürs Kloster“, ist Schreiner überzeugt.

Die Absage des Kapellenfestes hat seinen Grund in der „Vertreibung der Schwester Ulrika“, sagt der Physiker und Ingenieur Karl Heinz Jochum. Er erinnert daran, dass Schwester Ulrika 2007 auch mit dem Medienpreis der Saarbrücker Zeitung als „Saarlands Beste“ ausgezeichnet worden ist. Weitere Folgen des „unmöglichen Handelns“ der Kirchenoberen seien schon bekannt – Kirchenaustritte und eine Vielzahl von Schreiben an die Beschwerdestelle des Bistums Trier. Das will jedoch Ackermann-Sprecher Uzulis nicht bestätigen.

Der Hüttigweiler Ortsvorsteher und Landeschef des katholischen Arbeitersamariterbundes, Guido Jost (SPD), spricht dagegen von 68 Kirchenaustritten in Illingen. Jost hat für heute um 19 Uhr ins Gasthaus Baumert eingeladen, um „an diesem Abend unserer Schwester Ulrika für ihr segensreiches Wirken in 44 Jahren für unseren Ort und seine Menschen“ zu danken. In ihrer letzten Nacht in Hüttigweiler planen einige Katholiken eine Mahnwache vor dem Schwesterhaus, um Ulrika Troidl in diesen schweren Stunden nicht allein zu lassen. Bei der Schlüsselübergabe am 31. August an einen Anwalt der Kirchengemeinde wollen offenbar einige gegen die Kündigung demonstrieren. „Schwester Ulrika ist fast eine Heilige in Hüttigweiler, das war für Pfarrer Bell von vornherein schwierig“, erklärt Jost.

Schwester Ulrika sagt leise schluchzend: „Der Pfarrer hat seit zwei Jahren nicht mehr mit mir geredet. Das war ein ganz schlimmer Umgang mit mir.“ Jetzt kämen täglich Leute vorbei, um sich von ihr zu verabschieden. Ein junges Paar habe ihr geschrieben, dass es sie in Mainz abholen würde, wenn es ihr in ihrem Mutterhaus nicht gut gehen sollte. Das Band zwischen Schwester Ulrika und Hüttigweiler wird die schwerste Zerreißprobe wohl überdauern.