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Ein Bär mit Botschaft

Berlin. In Abwesenheit ist der iranische Regisseur und Regimekritiker Jafar Panahi am Samstag mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet worden, er darf sein Heimatland nicht verlassen. Doch die Entscheidung der Jury war nicht nur ein politisches Signal. mars

Preisverleihungen auf Filmfestivals ähneln einander: Trophäen in den Händen der Sieger, freudestrahlende Gesichter, Dankesworte an Produzenten. Aber das, was sich am Samstag bei der Verleihung im Berlinale-Palast ereignete, war etwas Besonderes: Der Jury-Vorsitzende Daren Aronofsky verliest die Laudatio zur Verleihung des Goldenen Bären . Als der Name Jafar Panahi fällt, setzt mitten im Satz der Applaus ein. Danach stehen Aronofsky und Festivalleiter Dieter Kosslick auf der Bühne. Allen im Saal ist klar, dass der iranische Regisseur, der in seiner Heimat mit Berufs- und Ausreiseverbot belegt ist, die Trophäe für seinen Film "Taxi" nicht entgegennehmen wird. Dann macht sich Kosslick mit dem Goldenen Bären auf den Weg ins Parkett. Der Scheinwerfer richtet sich auf ein junges Mädchen. Es ist Hanna Saeidi, die Nichte des Regisseurs, die auch im Film eine Rolle übernommen hat. Nach kurzer Unentschlossenheit reckt sie die Trophäe in die Höhe. Was für ein Bild, welch kluge Jury-Entscheidung!

Natürlich ist der Preis für Panahi von starker Symbolkraft. Dennoch sollte man ihn nicht nur als politisches Statement missverstehen. "Taxi" ist ein Film, der aus der durch die iranischen Behörden erzwungenen Limitierung heraus künstlerische Größe entwickelt. Panahi hat drei Kameras in einem Sammeltaxi montiert und fährt durch das turbulente Teheran. Die Fahrgäste bringen ihre Lebensgeschichten mit in den Wagen, daraus entsteht ein Mosaik des widersprüchlichen Lebens im Iran - vom illegalen Videovertreiber bis zur Menschenrechtsaktivistin, die über die Foltermethoden des Regimes berichtet. Das alles verpackt Panahi in eine tragikomische Episodendramaturgie, mit der er der Diktatur ins Gesicht lacht. Von politischer Brisanz ist auch der chilenische Beitrag "El Club" von Pablo Larraín, der absolut verdient mit dem "Großen Preis der Jury" ausgezeichnet wurde. Das bitterböse Kammerspiel erzählt von einer priesterlichen Wohngemeinschaft, in die Geistliche abgeschoben werden, die nicht mehr tragbar für Mutter Kirche geworden sind. Pädophilie, Kindesmissbrauch, Menschenhandel - eigentlich gehören die Priester vor Gericht, aber die katholische Kirche hat ihre eigenen Verdrängungsmechanismen, für die diese kriminelle WG eine bedrückende Metapher ist. Mit einem Silbernen Bären "für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet" wurde das guatemalische Bergbauerndrama "Ixcanul" und mit dem Drehbuchpreis die beeindruckende Dokumentation "El Botón de Nácar" des Chilenen Patricio Guzmán ausgezeichnet, womit das südamerikanische Kino verdient als eigentlicher Sieger des Festivals hervorgeht.

Beide Schauspielerehrungen gingen an "45 Years" des britischen Regisseurs Andrew Haigh. Charlotte Rampling und Tom Courtenay erforschen hier fein nuanciert den plötzlichen Zerfall einer Liebe nach 45 Ehejahren. Es war mit Abstand einer der besten Wettbewerbsjahrgänge in der jüngeren Berlinale-Geschichte. Das politische Profil, das sich das Festival unter Kosslick in den letzten Jahren gegeben hat, wurde oft belächelt. Zu Recht. Denn vielfach liefen Filme, die wegen ihrer politischen Botschaft, aber sicher nicht wegen ihres künstlerischen Vermögens ausgewählt wurden. Das war nun anders. Vor allem die Filme aus den Randzonen des Weltkinos verbanden oft gesellschaftliche Relevanz und ästhetischen Anspruch eng miteinander. Solchen Filmen ein globales Forum zu geben - das ist eine wichtige und richtige Aufgabenstellung, in die die Berlinale nun erfolgreich hineingewachsen ist.