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Die Documenta endet - und nun?

 Besucher der Documenta schauen sich einen der Motoren von Thomas Bayrle an. Foto: Zucchi/dpa
Besucher der Documenta schauen sich einen der Motoren von Thomas Bayrle an. Foto: Zucchi/dpa
Kassel. Was bleibt, nachdem gestern Abend nach 100 Tagen die Tore der Documenta (13) in Kassel endgültig geschlossen wurden? Ein positiver Eindruck, da sind sich viele Experten einig Von dpa-Mitarbeiter Timo Lindemann

Kassel. Was bleibt, nachdem gestern Abend nach 100 Tagen die Tore der Documenta (13) in Kassel endgültig geschlossen wurden? Ein positiver Eindruck, da sind sich viele Experten einig. Der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev sei es gelungen, "ein gutes Spannungsverhältnis" zwischen übergreifenden aktuellen Themen und der Kunst herzustellen, sagte Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. "Die Documenta ist zu glatt und zu glitschig", bemängelte dagegen Kunsthistoriker und Bestsellerautor Christian Saehrendt ("Das kann ich auch!").Die positiven Kritiken zu Beginn der wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst haben nur wenige Kratzer bekommen. Dazu zählt Brüderlin "die mehr oder weniger aufdringliche Neigung zur Selbstinszenierung" von Christov-Bakargiev. Der Kurator Wulf Herzogenrath meinte im Deutschlandradio Kultur, das Publikum wolle diesen Überblick an zeitgenössischer Kunst auch in fünf Jahren wieder sehen.

Bleiben wird auch ein Zuschauerrekord - und was für einer: Rund 860 000 Besucher haben die Ausstellung in Kassel gesehen. Für die "Außenstelle" Kabul kommen noch einmal 27 000 dazu. "Ich bin von dieser Documenta beeindruckt", sagte Documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Er erlebe "Besucher, die bewegt und begeistert sind, die Realitäten neu befragen und, da bin ich ganz sicher, verändert nach Hause fahren".

Insgesamt hatte die zwölfte Documenta vor fünf Jahren rund 750 000 Besucher gezählt - damals ebenfalls Rekord. Bleiben werden auch Kunstwerke: Die Stadt Kassel kauft unter anderem Teile der Installation "What Dust Will Rise?" des US-Amerikaners Michael Rakowitz, Drucke des libanesischen Künstlers Walid Raad sowie Masken aus dreidimensionalem Pulverschichtdruck der Berliner Künstlerin Judith Hopf. Auch die beiden im vergangenen Jahr gepflanzten Apfelbäume dürfen wohl weiter in der Karlsaue wachsen. Möglich ist, dass weitere Werke der Stadt durch Schenkungen, Spenden, Sponsoren oder Stiftungen erhalten bleiben. Das ist wohl die einzige Chance für den Publikumsliebling und von den Kasselern geliebten Bronzebaum von Giuseppe Penone.



Der Hund mit dem pinkfarbenen Bein übrigens, der es auf der Documenta zu Weltruhm brachte, soll nach der Kunstausstellung wieder ein normales Hundeleben führen. Es seien bislang keine weiteren Einsätze für die Hundedame "Human" und den Welpen "Señor" für Kunstwerke geplant, sagte Besitzer Marlon Middeke.

Und wie geht es weiter nach dem Ende der Documenta (13)? Zunächst wird abgebaut: Die rund zwei Dutzend Hütten in der Karlsaue müssen weg. Der Schrotthaufen von Lara Favaretto am Kulturbahnhof werde vom Schrotthändler wieder abgeholt, sagte Documenta-Sprecherin Henriette Gallus. Der aus Abfällen entstandene und bewachsene "Doing nothing garden" ("Nichts-tun-Garten") des chinesischen Künstlers Song Dong vor der Orangerie wird direkt nach dem Ende abgetragen. Bis Ende Oktober soll alles geschafft sein.

Die Planungen für die Documenta 14 im Jahr 2017 laufen bereits. "Ziel ist, die neue künstlerische Leitung Anfang 2014 zu berufen", sagt Oberbürgermeister und Documenta-Aufsichtsratschef Bertram Hilgen (SPD). Derzeit werde ein Vorschlag für die Zusammensetzung einer Findungskommission erarbeitet. Diese schlage dann die neue künstlerische Leitung vor. Zudem muss ein neuer Geschäftsführer gefunden werden. Bernd Leifeld, der vier Documenta-Ausstellungen verantwortet hat, steht nicht mehr zur Verfügung.

Und wie könnte die nächste Documenta inhaltlich aussehen? Kunsthistoriker Saehrendt geht davon aus, dass der Kunstbegriff eher geschärft wird, nachdem bei der Documenta (13) quasi alles zur Kunst wurde.

Documenta-Historiker Harald Kimpel betonte im Deutschlandradio Kultur, klar sei, die 14. Documenta müsse das gegenwärtige Konzept übersteigern. Bei dem Totalkonzept der Documenta (13) könne er aber noch nicht sagen, wie das aussehen werde.