| 22:09 Uhr

Der „Meister Hora“ von Mainz

 Restaurator Dietmar Koester sitzt in seiner Werkstatt in Mainz zwischen vielen alten Uhren. Foto: Andreas Arnold/dpa
Restaurator Dietmar Koester sitzt in seiner Werkstatt in Mainz zwischen vielen alten Uhren. Foto: Andreas Arnold/dpa FOTO: Andreas Arnold/dpa
Mainz. Ob Wand- oder Standuhr, Biedermeier oder Jugendstil: Der Mainzer Uhrmacher und Restaurator Dietmar Koester repariert Zeitmesser aus aller Welt. Dabei will er erhalten, nicht modernisieren. Bernadette Winter

(dpa) Meister Hora, der Verwalter der Zeit aus dem Kinderbuch "Momo" von Michael Ende, würde sich in diesem Mainzer Laden sicher wohlfühlen. Permanent tickt es, manchmal schlägt eine der vielen Uhren. Einige ziert bereits eine feine Staubschicht. Uhren sind hier überall - an den Wänden, auf dem Boden, auf den Tischen, in Einzelteile zerlegt oder in voller Pracht. Mittendrin ihr Herr und Meister, Uhrmacher und Restaurator Dietmar Koester.

Die derzeit älteste Rarität in Koesters Wunderkammer stammt aus dem Jahr 1720: eine englische Standuhr mit Kalenderblatt des Herstellers Henry Stockten. Momentan steht sie still. Zu zahlreich sind die Aufträge, als dass sich Koester um sie kümmern könnte. Sammler unter anderem aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden kommen zu dem Restaurator, um ihre Schätze reparieren zu lassen.

Ein Trend, den auch die Mitglieder des Zentralverbands für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik mit Sitz im südniedersächsischen Northeim beobachten. "Das liegt vor allem daran, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Uhrenwerkstätten deutlich gesunken ist", erklärt Vizepräsident und Uhrmachermeister Albert Fischer. Von den verbleibenden Werkstätten hätten sich zudem einige auf Kleinuhrreparaturen spezialisiert. "Dadurch können sich die Fachbetriebe, die historische Wand-, Stand-, Taschenuhren oder sonstige Sammler- und Erbstücke reparieren, vor Aufträgen kaum retten. Reparaturzeiten von bis zu einem halben Jahr sind deshalb keine Seltenheit mehr", konstatiert Fischer.



"Ein bisschen Patina darf das Werk auch nach der Reparatur noch haben", ist sich Koester sicher. Als eine Kundin eine Uhr mit Schellack so aufpoliert haben wollte, dass sie zu ihrer Kommode passt, weigerte sich Koester, den Auftrag anzunehmen.

Zur Begründung erklärt er das Problem vieler historischer Uhren: Früher hübschte man sie mit Möbelpolitur auf. Durch die darin enthaltenen Silikone wurde das Holz stumpf. "Jetzt müsste ich es anschleifen, um es wieder polieren zu können", erläutert Koester. Von den wertvollen Intarsien auf dem Gehäuse bliebe dann allerdings nicht mehr viel übrig. "Das ist es mir nicht wert", sagt der Mainzer Uhrmacher.

Es waren schon immer die besonderen Schmuckstücke, die ihn faszinierten. Etwa die Wiener Tischuhr im Empire-Stil von 1800, die noch auf Koesters "To-do-Liste" steht. Mit drei Aufzugs- und zwei Schlagwerken wäre der schlicht wirkende Chronometer heute laut Koester zwischen 8000 und 9000 Euro wert. Mit Uhren handeln will Koester zwar nicht, er erstellt jedoch Gutachten, um die Echtheit zu bestätigen.

Das Handwerk hat Koester von den Großeltern und den Eltern gelernt. Dementsprechend groß ist sein Fundus an Ersatzteilen, schließlich gibt es sie meist nicht mehr im Original. Doch selbst seine vielen kleinen Schächtelchen, Boxen oder Schalen können nicht immer weiterhelfen. "Manchmal passt es einfach nicht, dann ist Handarbeit gefragt", sagt Koester. Ähnlich gebaute Teile wie eine Welle verändert er dann so, dass sie die Rarität wieder zum Laufen bringen. "Da geht es oft um einen hundertstel Millimeter", sagt der Experte. Und um Ausprobieren. Auf diese Art und Weise entwickelte der Uhrmacher auch ein eigenes Verfahren zur Entrostung der einzelnen Teile, ebenso effektiv wie schonend.

Genau die richtigen Voraussetzungen, um im "Fachkreis Historische Uhren Schloss Raesfeld" im Kreis Borken Mitglied zu werden. "Ich möchte Museen im Ausland unterstützen, denen es an den entsprechenden Mitteln fehlt, um Kulturgüter für nachfolgende Generationen zu erhalten", begründet Koester seinen Beitritt vor rund zwei Jahren. Die meisten der 55 auf der Website gelisteten Experten stammen aus Nordrhein-Westfalen.

Koester und ein weiterer Mainzer Uhrmacher sind die einzigen Rheinland-Pfälzer in dem Verein. Voraussetzung, um in den illustren Kreis aufgenommen zu werden, ist neben einer abgeschlossenen Berufsausbildung der Besuch eines Seminars für Restauratoren bei der Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld. "Außerdem sind 60 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr fällig", erklärt Günther Haut, Kassenwart des Vereins. "Für das neue Mitglied müssen zwei Personen bürgen", ergänzt Koester.

In regelmäßigen Abständen reist eine Delegation der Profis ins russische St. Petersburg. Am dortigen Peterhof, einer alten Zarenresidenz etwa 30 Kilometer westlich von St. Petersburg, reparieren sie ehrenamtlich stehen gebliebene oder beschädigte Zeitmesser. Dietmar Koester war noch nicht dabei, drei Jahre lang ruhten die Arbeiten an den Ausstellungsstücken. Für die Reise in diesem Herbst steht Koester aber auf der Liste möglicher Auserwählter. "Wir losen mittlerweile aus, wer mit darf, weil das Interesse so groß ist", erklärt Haut. Für Uhrmacher und Restaurator Koester wäre das ein weiterer Höhepunkt in seiner Karriere.