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Chronisch vernachlässigt

Luxemburg. Vor ein paar Wochen hatte sie sich gegenüber dem "Tageblatt" noch recht freimütig zu den unwürdigen Zuständen in der Nationalbibliothek geäußert. Inzwischen aber antwortet Monique Kieffer, seit 1999 amtierende Direktorin in Luxemburgs langjährigem Problemhaus "Bibliothèque National" (BNL), auf alles stets nur noch mit "Kein Kommentar" Von Merkur-Mitarbeiter Christoph Schreiner

Luxemburg. Vor ein paar Wochen hatte sie sich gegenüber dem "Tageblatt" noch recht freimütig zu den unwürdigen Zuständen in der Nationalbibliothek geäußert. Inzwischen aber antwortet Monique Kieffer, seit 1999 amtierende Direktorin in Luxemburgs langjährigem Problemhaus "Bibliothèque National" (BNL), auf alles stets nur noch mit "Kein Kommentar". Nicht einmal, warum sie dies tut, sagt sie einem am Telefon. Nur, dass von ihrer Seite alles gesagt sei.Seit Jahren stellt die Regierung einen Umzug der unter chronischer Raumnot leidenden Nationalbibliothek in Aussicht. Mal sollte die am Boulevard Roosevelt untergebrachte Bibliothek in das Robert-Schuman-Gebäude gegenüber der Philharmonie umziehen, mal wurde (oder wird) ein Neubau auf dem Kirchberg an der Place de l'Europe erwogen. Passiert ist nichts. Und so bleiben die "unhaltbaren Zustände", von denen in der Luxemburger Presse zu lesen war, außer Versprechungen denn auch die einzige Konstante. Von "veralteten Lagerbedingungen und den Besuchern beinahe unzumutbaren Lesesälen" ist in den spärlichen Berichten zur bibliophilen Lage der großherzogtümlichen Nation die Rede. Als sei diese noch nicht desolat genug, musste Kulturministerin Octavie Modert unlängst einräumen, dass "ein Kilometer Bücher" - untergebracht im Keller der Nationalbibliothek, wo, so heißt es in früheren Berichten, der Moder haust - aufgrund von Schimmelbefall nun von Spezialfirmen im Ausland restauriert werden muss. Ein Kilometer! Verteilt auf ein Meter breite Regale mit je fünf Einlegeböden, wäre dies die Kleinigkeit von 200 Regalen. Wohl auch deshalb genießt das Umzugsprojekt seitens der Regierung angeblich "höchste Priorität", wie Kulturministerin Octavie Modert immer wieder versichert. Seit 2002 liegen Umbaupläne für das Batiment Schuman vor, wo die BNL ursprünglich ihre künftige Bleibe finden sollte. Weil dort aber noch ein Teil der EU-Bürokratie in Gestalt des Generalsekretariats untergebracht ist, für das bis dato kein neues Domizil gefunden ist, kann auch diese Karte nicht ausgespielt werden. Damit nicht genug, ließ sich Ministerin Modert im "Tageblatt" unlängst mit den Worten zitieren, (auch) die Finanzierung des Umzugsprojekts verzögere sich "aus unerklärlichen Gründen". Unbeantwortet blieb gestern eine SZ-Anfrage an das Kulturministerium, ob dem lange verschleppten Umzugsprojekt zwischenzeitlich womöglich Pläne für einen Bibliotheksbau in Esch/Belval in die Quere kommen, wo die Luxemburger Uni ihre Natur- und Geisteswissenschaften künftig ansiedeln will.Was Monique Kieffer mit der in Luxemburg fehlenden "Bibliothekentradition" meint, von ihr vor zwei Jahren in einem Interview beklagt, lässt sich an den räumlichen Gegebenheiten der Nationalbibliothek ablesen. Nicht nur, dass die Raumnot die BNL dazu nötigt, als reine Magazinbibliothek ihre Tage zu fristen. Kurzum: Ihre Bestände sind bis auf Nachschlagewerke komplett eingelagert. Sondern es fehlt auch an repräsentativen, attraktiven Lesesälen, sodass Besucher nicht selten in Gängen die Bestände in Augenschein nehmen müssen. Nun ist die BNL keine Dorfbibliothek, sondern für Bücher die erste Adresse im Staate Luxemburg. Umso bemerkenswerter ist, dass man sich im Großherzogtum offenkundig seit langem ohne großes Murren in dieses Los fügt. Ob die These auch heute noch Geltung hat, die vor acht Jahren in der Wochenzeitung "d'Lëtzebuerger Land" Jean-Marie Reding, der Präsident der Vereinigung der Luxemburger Bibliothekare, in seiner Chronolgie der Versäumnisse zog? Damals schrieb Reding, die BNL habe "immer wieder an extremer Vernachlässigung durch die Politik und die Luxemburger Gesellschaft überhaupt" gelitten.