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Bläsersirenen und Flügelsezierereien

Stark präsentierte sich das Jugend Jazz Orchester Saar bei seinem Auftritt mit Piotr Wojtasik (vorne) am Flügelhorn. Foto: Krämer
Stark präsentierte sich das Jugend Jazz Orchester Saar bei seinem Auftritt mit Piotr Wojtasik (vorne) am Flügelhorn. Foto: Krämer FOTO: Krämer
St Ingbert. Nach verhaltenem Start strömten die Besucher am Samstag in die St. Ingberter Stadthalle zum Jazz-Festival. Musikalisch bestachen an diesem Abend neben dem Piotr-Wojtasik-Quintett der Pianist Jacky Terrasson und die Gitarristen Howard Alden und Brady Winterstein. Kerstin Krämer

"Wir werden immer besser, immer größer!" Vollmundig eröffnete am Donnerstag St. Ingberts Oberbürgermeister Hans Wagner das 30. Internationale Jazzfestival St. Ingbert . Nun, über Ersteres ließe sich - vor allem, was eine klare Handschrift und Identifikation angeht - streiten, das Zweite stimmt so nicht: Nachdem das Festival in der Industriekathedrale Alte Schmelz jahrelang über seine finanziellen Verhältnisse gelebt hatte, steuert es seit 2013 auf Sparkurs und ist in die Stadthalle zurückgekehrt. Hier kämpft es immer noch um eine besondere Aura.

Umso höher zu schätzen ist das ehrenamtliche Engagement des in die Programmgestaltung eingebundenen Jazz-Arbeitskreises und des neu gegründeten Fördervereins JazzKultur St. Ingbert : Zahlreiche aufmerksame Helfer mühen sich im Jubiläumsjahr erfolgreich um Wohlfühl-Atmosphäre. Außerdem führen mit Boris Henn und Karl-Heinz Adams zwei Mitglieder des Arbeitskreises als Moderatoren durchs Festival; ansonsten hat dieses wichtige Gremium leider immer noch kein Gesicht. Nachdem jedoch zuletzt auffallend viele Gruppen aus dem (zugegeben hochkarätigen) Agentur-Portfolio des "künstlerischen Beraters" Yvan Tan stammten, strebt man nun offenbar nach mehr Unabhängigkeit bei der Programm-Auswahl. Etwas zaghaft war der Andrang zum Auftakt, und auch am Freitag blieben viele Plätze frei - verwunderlich angesichts des breitentauglichen Mottos "Jazz & großes Kino". Als akustische Illustrierung französischer Film-Noir-Klassiker taugte der hochenergetische Kurz-Auftritt des Quintetts um den polnischen Trompeter Piotr Wojtasik: Sein Modern Jazz nach Reinheitsgebot war ebenso elektrifizierend wie feinnervig und begeisterte dank Saxofon-Doppelspitze mit aufwühlenden Bläsersirenen. Doch agierte das Ensemble nicht, wie angekündigt, als Unterstützung des Jugend Jazz Orchesters Saar, sondern als Vorgruppe - lediglich Wojtasik solierte am Flügelhorn. Der regionale Nachwuchs präsentierte sich gut eingegroovt und servierte traditionelles Big Band-Repertoire in zeitgenössischen Bearbeitungen deutscher Arrangeure, darunter etliche aus der Feder seines Leiters Martin Sebastian Schmitt.

Bevor zum cineastischen Ausklang in Kooperation mit der Kinowerkstatt St. Ingbert Woody Allens Tragikomödie "Sweet and Lowdown" (1999) über die Leinwand flimmerte, trat der Mann auf, der die Musik zum Film eingespielt hat: Der New Yorker Gitarrist Howard Alden interpretierte mit seinem Regensburger Kollegen Helmut Nieberle (ebenfalls auf einem siebensaitigen Instrument unterwegs) und dem Augsburger Klarinettisten Stephan Holstein Stücke aus dem Soundtrack des Streifens. Mit einem Repertoire im Stil des Hot Club de France geriet dieser Ausflug zu einer infizierend nostalgischen Reise in die 30er Jahre. Rasant charmant: Virtuosität und Finesse hielten sich perfekt die Waage.

Deutlich Spieltechnik-orientierter ließ es tags darauf Brady Winterstein angehen. Im Rahmen des hervorragend besuchten "Jazz de France"-Abends wandelte das Trio des jungen Lothringer Gitarristen ebenfalls auf Sinti-Swing-Pfaden in memoriam Django Reinhardt . Das ging ab wie Schmitz' Katze. Und als sich Alden, Nieberle und Holstein für eine Jam-Session hinzu gesellten, schwebte das entzückte Publikum vollends auf Wolke Sieben. Etliche Zu gaben sorgten dafür, dass der Zeitrahmen erneut zuverlässig gesprengt wurde. Ungleich sperriger jazzte zum samstäglichen Kehraus der französische Pianist Jacky Terrasson. Sein Trio bot den progressivsten Festival-Beitrag: Experimentierfreudig und mit überbordender Kreativität sezierte Terrasson an Flügel und Stagepiano die Strukturen von Jazz- und Popstandards oder Traditionals, um mit seinen kongenialen Begleitern (Burniss Traviss, Kontrabass; Lukmil Perez, Schlagzeug) unerhörte dynamische, harmonische und rhythmische Freiräume auszuloten.

Fiel es manchem zunächst auch schwer, sich darauf einzulassen - am Ende raste die Halle.