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Begehrter Luftkriegs-Forscher

Der Historiker Helmut Schnatz zeigt Luftaufnahmen des im Zweiten Weltkrieg durch Bombardements zerstörten Stadtkerns von Koblenz. Foto: dpa
Der Historiker Helmut Schnatz zeigt Luftaufnahmen des im Zweiten Weltkrieg durch Bombardements zerstörten Stadtkerns von Koblenz. Foto: dpa
Koblenz. Flugzeuge fand Helmut Schnatz schon als Junge faszinierend. Dabei waren die alliierten Bomberverbände, die er im Zweiten Weltkrieg am Himmel sah, eine große Gefahr. Heute ist es für den Historiker "reizvoll", etwas zu erforschen, was er selbst erlebt hat Von dpa-Mitarbeiter Tobias Goerke

Koblenz. Flugzeuge fand Helmut Schnatz schon als Junge faszinierend. Dabei waren die alliierten Bomberverbände, die er im Zweiten Weltkrieg am Himmel sah, eine große Gefahr. Heute ist es für den Historiker "reizvoll", etwas zu erforschen, was er selbst erlebt hat. Über vier Jahrzehnte hat der mittlerweile pensionierte Lehrer die Gefechtsberichte von deutschen und alliierten Verbänden in seiner Freizeit aufgearbeitet und darüber einige Bücher geschrieben. "Die Faszination hält bis heute an", sagt Schnatz. Kaum einer im Land kennt sich so gut in der Materie aus wie er. Das hat noch einen Nebeneffekt: Im nördlichen Rheinland-Pfalz ist der 78-Jährige ein beliebter Ansprechpartner des Kampfmittelräumdienstes.Erst Anfang Februar war wieder sein Rat gefragt, als die Experten für eine gezielte Suche nach Blindgängern alte Luftbildaufnahmen von "Bombenteppichen" nahe Weißenthurm im Kreis Mayen-Koblenz auswerteten. Schnatz konnte Kaliber und Zündart der Fliegerbomben benennen, die dort im Krieg abgeworfen worden waren. Im vergangenen Jahr war man in Weißenthurm auch auf Wrackteile eines amerikanischen Bombers gestoßen, den Schnatz der 9. US-Air Force zuordnete. In diesem Fall wurde nur Munition für die Bordwaffen gefunden, keine Bomben.

Im Wohnzimmer der Eheleute Schnatz hängen weder Fliegermodelle noch Weltkriegsorden, dafür hat der 78-Jährige jede Menge Bücher auf dem Tisch ausgebreitet. Er ist einer der wenigen Kenner des Luftkriegs in Deutschland mit einer wissenschaftlichen Ausbildung, die den Krieg noch selbst erlebt haben. Die Luftangriffe der Alliierten kamen dem gebürtigen Koblenzer dabei bedrohlich nahe. "Am 9. Oktober 1944 hat unser Nachbarhaus gebrannt und ich habe damals an der Spritze gestanden", erinnert sich Schnatz genau. Aktiv in das Kampfgeschehen eingreifen brauchte der damals Elfjährige jedoch nicht. "Ich war gerade noch zu jung, um als Flakhelfer eingesetzt zu werden."

Schnatz weiß, dass in Historikerkreisen die Meinung von Zeitzeugen oft kritisch gesehen wird, weil manch einem die Erinnerung mit den Jahren einen Streich spielt. Mit Blick auf seine Kriegserlebnisse sagt er: "Man muss lernen, Distanz zu bekommen, aber spätestens nach 40 Jahren geht das ganz gut".



Auch die Forschungen des 78-Jährigen haben manche Legende enttarnt. So stellte er unter anderem anhand von Gefechtsberichten fest, dass Erzählungen über alliierte Angriffe im Tiefflug auf Zivilisten in Dresden nicht den Tatsachen entsprechen konnten und zog sich so den Unmut vieler Zeitzeugen zu. "Man muss lernen, Distanz zu bekommen."

Luftkriegs-Forscher Helmut Schnatz