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Ambulanter Hospiz- und Palliativberatungsdienstes Südwestpfalz (AHPB)
Mutmachen statt unterkriegen lassen

 Strahlend spielt Ingrid Pietzsch ihrem Mann Gerhard und Monika Kau auf der Gitarre muntere Tanzrhythmen vor. Sie übt täglich, je nachdem, wie ihre Kräfte es zulassen.
Strahlend spielt Ingrid Pietzsch ihrem Mann Gerhard und Monika Kau auf der Gitarre muntere Tanzrhythmen vor. Sie übt täglich, je nachdem, wie ihre Kräfte es zulassen. FOTO: Cordula von Waldow
Thaleischweiler-Fröschen. Ingrid Pietzsch wird nach ihrem Aufenthalt auf der Palliativstation von einer Mitarbeiterin des AHPB begleitet. Die Hospiz- und Palliativfachkraft Monika Kau ist begeistert von dem Lebensmut der schwer kranken Frau. Gemeinsam planen sie ein Projekt. Von Cordula von Waldow

Langsam, doch geschickt manövriert Ingrid Pietzsch auf ihrem Rolator Kaffeetassen, Päckchen mit Instant-Kaffeepulver und den Wasserkocher mit heißem Wasser. „Ich darf ihr dabei nicht helfen“, erklärt Monika Kau lächelnd. Seit gut zwei Wochen begleitet die hauptamtliche Hospiz- und Palliativfachkraft des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes Südwestpfalz (AHPB) die schwer kranke Frau. So allerdings wirkt die 62-jährige Kosmetikerin aus Thaleischweiler-Fröschen absolut nicht.

Gepflegt zurecht gemacht, strahlen ihre vergnügt blitzenden Augen ebenso viel Lebensfreude aus, wie ihre orangefarbene Jacke über dem Glitzer-T-Shirt. Trotz ihrer Brustkrebserkrankung mit Metastasen bis in Lymphe und Knochen, weiteren Tumoren, einer Neigung zu Rippenfrakturen und Fissuren in den Beckenknochen wirkt sie putzmunter und lebensfroh. Stolz serviert sie den Kaffee, obwohl starke Medikamente ihre Hände zittern lassen und sie ohne Halt nicht stehen, geschweige denn gehen kann. „Ich bin eine Großbaustelle“, sagt sie und berichtet, dass ihr Ärzte bereits 2016 nur noch wenige Monate, maximal ein halbes Jahr, Lebensdauer eingeräumt haben. „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, betont sie willensstark.

Eine Chemotherapie hat sie grundweg abgelehnt und behandelt ihre Erkrankungen nach der Operation mit Alternativmedizin. Sie sagt: „Ich lasse mich doch nicht vergiften.“ Aus ihrer Sicht hängt Krebs mit Stress, Depression, Burnout, falscher Ernährung und Mangel an Vitamin D zusammen. Themen, die sie jetzt in ihrem Leben anders angehen will.



Unterstützung erhält sie von Monika Kau. Über Monika Zimmer, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin des AHPB die Palliativstation im Rodalber Krankenhaus betreut, erfuhr sie von dieser Organisation. Bereits im Krankenhaus lernte sie Monika Kau kennen.

Die Chemie zwischen den beiden etwa Gleichaltrigen passte sofort. Diese beschreibt: „Ich begleite und berate Ingrid Pietzsch und mittlerweile auch ihren ebenfalls schwerkranken Mann zu Hause vor Ort.“ Dort werde geschaut, welche Bedürfnisse wie etwa Toilettenstuhl, Drehsitz für den Übergang vom Stuhl zum Stehen am Rolator oder für eine Ausrüstung im Bett bestehen und welche Dienstleistungen wie Hilfe im Haushalt zu beantragen sind.

Für die agile, stets eigenständige Frau ist am schwersten, Hilfe anzunehmen. Das Haus, in dem sie mit ihrem zweiten Mann Gerhard wohnt, hat sie selbst gekauft, jedes Jahr mehrmals Urlaub in Ägypten gemacht. „Vielleicht übersiedeln wir einmal nach Hurghada, nach Sekalla. Das liegt direkt am Meer mit vielen Bars und Clubs und dort tut uns die Luft so gut“, träumt der Ägyptenfan von einem schönen Rentnerleben dort.

Nicht nur davon ist Monika Kau begeistert und freut sich über ihre so „ganz andere Klientin“. Sie bekennt: „Mit ihrer Lebensfreude und ihrem Lebensmut gibt sie mir mindestens so viel, wie ich ihr geben kann. Wir haben viel Spaß miteinander.“

Den hat Ingrid Pietzsch auch mit ihrem „Rolls Royce“, wie sie ihren Rollator liebevoll nennt. Mit geschickten Bewegungen tanzt sie sich regelrecht vorwärts, bedankt sich bei ihrem Körper, der diese Anstrengung bereits mitmacht. Stolz erklärt sie: „Das kommt vom Linedance“.

Viele Jahre war dies ihr liebstes Hobby und eine Ablenkung für die bekennende Workoholikerin. Und deshalb auch hat sie die Idee für ein großes, neuartiges Projekt. Bereits im Krankenhaus ließ sie sich von der Klinik-Psychologin statt mentalem Beistand lieber Gitarrengriffe neu beibringen. Etwa gleichzeitig mit ihr, traf ihre neue, in poppigem Lila glänzende Gitarre zu Hause ein. Darauf übt sie täglich, je nachdem, wie ihre Kräfte es zulassen. „Und dann richten wir eine Line-Dance-Gruppe ein für Menschen mit Rollator und Rollstuhlfahrer“, verkündet sie das geplante Gemeinschaftsprojekt mit Monika Kau. Denn irgendwann werde „die Welt ja wieder normal“.

Nach Noten hat sie bereits geschaut und Tänze ausgewählt, die sich auch ohne viel Fußbewegung mit gesundem Kopf und gesunden Händen gestalten lassen. Ingrid Pietzsch bekräftigt: „Ich will Menschen Mut machen!“ Wer sie kennenlernt, darf sich überzeugen: Das schafft sie!