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Platzmangel
Wohin mit den Brummis? Rheinland-Pfalz ist zugestellt

Nach neuesten Berechnungen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) fehlen deutschlandweit über 25 000 Lkw-Parkplätze. Auch in Rheinland-Pfalz sehen Experten ein „riesiges Problem“.
Nach neuesten Berechnungen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) fehlen deutschlandweit über 25 000 Lkw-Parkplätze. Auch in Rheinland-Pfalz sehen Experten ein „riesiges Problem“. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz. Lastwagen soweit das Auge reicht: Sie stehen sogar an Autobahn-Auffahrten und auf Standstreifen, weil es nicht genügend Parkplätze für sie gibt — ein echtes Problem.

Lastwagenfahrer Michel von der Scheer kennt das Problem gut. Es gebe einfach zu wenige Lkw-Parkplätze an den Autobahnen, sagt der Brummi-Lenker aus den Niederlanden. Gerade pausiert er auf einem Parkplatz an der Autobahn 61 im Hunsrück. Diesmal ist es entspannt, doch oft sei die Suche nach einem Standplatz heikel. „Bis Holland kommt nichts mehr“, sagt er und zeigt in Fahrtrichtung Norden. Die A4, 61 und 44 seien neu gemacht, dennoch fehle es an Parkraum. „Da hat man auf 100 Kilometern nur eine Parkmöglichkeit“, kritisiert er. „Da können nur 30 Lkws stehen und dann ist voll.“

Und so pausiert so mancher Lastwagen notgedrungen an Auf- und Abfahrten, vor Tankstellen und in Notfallbuchten – auch in Rheinland-Pfalz. Das wiederum ist gefährlich, denn oft sind die geparkten Gefährte schlecht ausgeleuchtet, versperren Zufahrten und erschweren die Sicht. Nach Berechnungen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) fehlen deutschlandweit über 25 000 Lkw-Parkplätze.

Im September 2009 wurde eine gemeinsame Absichtserklärung zwischen dem Bund und dem Land Rheinland-Pfalz zum Ausbau von Lkw-Stellplätzen an Bundesautobahnen unterzeichnet. Langfristig sollen durch die Erweiterung bestehender und den Bau neuer insgesamt etwa 2200 zusätzliche Lkw-Stellplätze geschaffen werden. Bis heute wurden davon nach Angaben des Mainzer Verkehrsministeriums über 650 realisiert.



Die Landesregierung teilt von der Scheers Ansicht, „dass vor allem nachts – je nach Autobahn – Stellplätze fehlen“. Derzeit seien mehr als 30 Erweiterungs- und Neubaumaßnahmen mit verschiedenen Planungsständen in Bearbeitung. „Wir wissen, dass es ein Problem ist“, sagt eine Sprecherin des Verkehrsministeriums. „Deswegen ist uns schon daran gelegen, eine Lösung zu finden.“

Auch Steffen Sandmeier von der Autobahnpolizei Kaiserslautern sieht ein „riesiges Problem“. Die Autohöfe seien oft völlig überfüllt, doch die Fahrer müssten die Bestimmungen für Höchstzeiten am Steuer einhalten. „Die suchen sich dann ihre Ruheplätze. Und dann kommt es im Einfahrts- und Ausfahrtsbereich zu Blockaden.“ Dies könne unter Umständen extrem gefährlich sein, sagt Sandmeier. Manchmal unterstützten Polizeibeamte die Lkw-Fahrer bei der Suche nach frei gewordenen Plätzen. „Oder wir schicken eine Streife vor. So richtig wegschicken ohne Alternative können wir sie nicht.“

An der Autobahn-Raststätte Montabaur im Westerwald gibt es seit einigen Jahren ein intelligentes Parksystem. Den Lastwagenfahrern wird schon bei der Ankunft an der Raststätte angezeigt, ob noch Plätze frei sind. Bei der Einfahrt misst das Programm die Fahrzeuglänge. Die Fahrer bekommen erst danach ein Ticket, das ihnen eine Position zuweist. Das System ordnet die Brummis neben der Länge auch nach ihren Abfahrtszeiten: Ganz vorne stehen die Lkw, die bald wieder abfahren. Das spart Platz zum Rangieren und schafft mehr Parkraum. Die Parkreihen sind außerdem mit Laserscannern ausgestattet, mit denen der verbleibende Platz gemessen wird.

Das telematische System helfe ungemein, sagt die Sprecherin des Verkehrsministeriums. Denn „in Teilbereichen ist es einfach nicht möglich auszubauen“. Auch die Tank- und Rastanlage Hunsrück-West auf der A61 wird im kommenden Jahr mit dem System ausgestattet. Die Stellplatzanzeigen, das Parkleitsystem sowie das Kolonnenparken trügen in Rheinland-Pfalz zum Abbau des derzeit noch bestehenden Defizits bei und seien beispielhaft für andere Bundesländer, antwortete das Verkehrsministerium auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Jens Ahnemüller, der bis zu seinem Ausschluss Mitglied der AfD-Fraktion war. Dass Autobahnen Bundesangelegenheiten seien, hindere jedoch teilweise den Ablauf, sagt die Ministeriumssprecherin.

Harry Neumann von der Naturschutzinitiative Rheinland-Pfalz geht die Umsetzung innovativer Lösungsansätze durch das Land zu langsam. Und neue Lkw-Rastplätze seien keine Lösung. Nicht selten führten geplante Autohöfe dazu, dass Lebensraum von Tieren zerstört werde und Waldstücke gerodet würden. Gerade lässt die Naturschutzinitiative die Erfolgsaussichten für eine Klage gegen einen geplanten privaten Autohof in Heiligenroth im Westerwald prüfen. „Wir wollen gar nicht bestreiten, dass es das Problem gibt“, sagt Neumann. „Aber bei der Standortauswahl müssen die naturschutzfachlichen Aspekte ganz stark in die Waagschale geworfen werden.“ Notfalls könne der geplante Lkw-Rastplatz eben nicht gebaut werden.

Es gibt auch noch andere Ansätze: Der ADAC-Truckservice und das Unternehmen Bosch haben sich zusammengetan, um gemeinsam gegen den Lkw-Stellplatzmangel anzugehen. „Es geht wirklich nur darum, dass sicher geparkt, sprich nicht wild geparkt wird“, sagt Michael Rieder vom ADAC. Die Partner rufen Unternehmen auf, ihre privaten Parkflächen in der Nähe von Autobahnen und Bundesstraßen als sichere Lkw-Parkplätze zugänglich zu machen. Über eine Buchungsplattform können Transportunternehmen dann die Stellplätze buchen – eine Art Airbnb für Lastwagen also. Das neue System sei gut, sagt Riedel. Trotzdem müsse zusätzlich gebaut werden. Denn es seien „grundsätzlich mehr Nutzer da, als Flächen bereitstehen“.

Das Parken auf diesen Flächen kostet zwischen fünf und 25 Euro. Das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) entlastet Transportunternehmen jedoch seit Anfang des Jahres. Wenn Firmen ihre Transporter ab einem Gewicht von siebeneinhalb Tonnen auf Parkplätzen mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen abstellen, übernimmt das BAG bis zu 80 Prozent der Ausgaben. Denn Wildparken ist nicht nur gefährlich für alle Verkehrsteilnehmer, es kommt auch immer wieder zu Einbrüchen und Diebstählen. Das Angebot werde noch lange nicht wie gewünscht genutzt, sagt ADAC-Mann Riedel. „Wir können zur Zeit keine 50 Parkplätze anbieten.“

Bis das Problem gelöst ist, wird es wohl weiter Wildparker geben. Für Brummi-Fahrer van der Scheer steht dennoch fest, dass er sich nie auf einen Standstreifen oder in eine Nothaltebucht stellen wird. Er fährt manchmal auf der Suche nach einer Ruhestätte zehn Kilometer von der Autobahn ab. „Dann gehe ich lieber über die erlaubten Fahrstunden.“