| 22:42 Uhr

Die Dürre macht’s möglich
Mäuseturm wird zum Besuchermagnet

Über derzeit freiliegende Steine laufen die Schaulustigen zum Mäuseturm im Rhein.
Über derzeit freiliegende Steine laufen die Schaulustigen zum Mäuseturm im Rhein. FOTO: dpa / Boris Roessler
Bingen/Rüdesheim. Das Wahrzeichen von Bingen, der Mäuseturm, steht im Rhein. Es gibt keine Brücke. Die Dürre senkt aber den Wasserspiegel. Nun gibt es zeitweise eine Völkerwanderung zur Turminsel. Dazu beigetragen hat ein krimineller Akt. dpa

(dpa) So nahe und doch so fern: Der Reiz des berühmten Mäuseturms zwischen Bingen und Rüdesheim ist sein Standort auf einem Rhein-Inselchen. Abgesehen von Sonderregelungen gibt es nur an vier Tagen im Jahr rasch ausgebuchte Schiffsfahrten dorthin – samt Turmbesichtigung. Doch in diesem Herbst ist alles anders: Das historische Niedrigwasser des Rheins ermöglicht von Bingen aus trockenen Fußes den Übergang zur Insel.

Am 21. Oktober, einem Sonntag mit Bilderbuchwetter, bricht morgens ein Unbekannter die Tür des Mäuseturms auf. Auf Facebook heißt es fälschlicherweise, die Stadt Bingen habe ihn geöffnet. Der Run geht los. Der Vizechef des zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamts (WSA) Bingen, Florian Krekel, und Kollegen eilen herbei und lenken die Besucherströme – die Wendeltreppe im Turm ist überaus eng.

„Wir haben an sechs Tagen den Besuch des Mäuseturms ermöglicht“, sagt Krekel. „Das waren tausende Besucher. Sie waren sehr geduldig. Zeitweise hatten wir Wartezeiten von eineinviertel Stunden für die Besichtigung.“



Die Besucherin Stefanie Widmann schreibt auf Facebook: „Wie oft bin ich mit dem Schiff, mit dem Zug, mit dem Fahrrad und mit dem Auto am Ufer an diesem sagenumwobenen Bauwerk vorbeigefahren mit sehnsüchtigen Blick. Diese einmalige Chance konnte ich mir jetzt nicht entgehen lassen. Ein Kindheitstraum wurde wahr.“

WSA-Vizechef Krekel hat sogar von einzelnen Besuchern gehört, die eigens aus Rom und Paris angereist seien: „Wahrscheinlich haben die früher hier gewohnt.“ Etliche Turmtouristen hätten sich beim WSA für das kostenlose Erlebnis bedankt.

Nun ist der Mäuseturm am südlichen Ende des Welterbes Oberes Mittelrheintal wieder geschlossen. „Wir haben eine sehr große Nachfrage befriedigt“, sagt Krekel. Die Turmbesichtigung solle aber etwas Besonderes bleiben.

Das Inselchen können indes weiterhin viele Spaziergänger erkunden: Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach sagt nur in Maßen Regen voraus. Am vergangenen Donnerstag hat die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz mitgeteilt, „eine dauerhafte Entspannung der Niedrigwassersituation“ sei weiter nicht in Sicht.

Zudem hat das WSA laut Krekel den gefallenen Pegelstand genutzt, um den schadhaften schmalen Steinwall auf dem Stromkabel vom Ufer zum Inselchen auszubessern und zu verbreitern. Das erleichtert den Übergang auch bei leicht gestiegenen Wasserständen.

Eine junge Frau aus dem nahen Ockenheim, die ihren Namen nicht nennen will, sagt auf dem Inselchen, einem Vogelschutzgebiet: „Das ist jetzt die Attraktion hier. Es ist toll, den Mäuseturm aus anderen Perspektiven zu sehen. Gleichzeitig ist es aber auch traurig, das Niedrigwasser - Ursache ist ja der Klimawandel.“

Ein Ehepaar ist eigens aus dem nordrhein-westfälischen Euskirchen angereist. „Es lohnt sich“, findet Hannelore Maul. Ihr Mann Berthold sagt: „Wir haben das mal live sehen wollen.“ Hannelore Maul ergänzt: „Wir haben nur Schwierigkeiten gehabt, den Mäuseturm zu finden.“ Nahe Parkplätze gibt es nicht - nötig ist ein Spaziergang über das Gelände der rheinland-pfälzischen Landesgartenschau 2008.

Im Mäuseturm erklärt eine Ausstellung den Namen: Vor etwa 1000 Jahren soll der Sage nach der Mainzer Erzbischof Hatto II. bei einer Hungersnot den Armen nicht geholfen, sondern sie eingesperrt in einer Scheune verbrennen haben lassen. Die Schreie der Sterbenden habe der Oberhirte mit dem Pfeifen von Mäusen verglichen. Daraufhin sollen Tausende dieser kleinen Nager den zur Insel flüchtenden Erzbischof verfolgt und in dem Turm bei lebendigem Leib aufgefressen haben.

Tatsächlich erbaut worden ist der Mäuseturm ursprünglich wohl im 14. Jahrhundert als Zoll-Sperrsystem mit der gegenüberliegenden Burg Ehrenfels bei Rüdesheim. In Kriegen zerstört, wird er Mitte des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil wieder aufgebaut.

Eine weitere Ausstellung zeigt in dem denkmalgeschützten Bauwerk die Nutzung als Signalturm bis in die 1970er Jahre, um einen Zusammenstoß von Schiffen im Binger Loch, einer Engstelle des Rheins, zu verhindern.

Und der Einbrecher vom 21. Oktober? Er wird nicht leicht zu ermitteln sein. Die Wasserschutzpolizei Bingen teilt mit: „Da gibt es keine neuen Erkenntnisse.“