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Lisel Heise
Hochbetagte Stadträtin kämpft weiter

 Die 100-jährige Lisel Heise hat im Juni in Kirchheimbolanden den Sprung in den Stadtrat geschafft.
Die 100-jährige Lisel Heise hat im Juni in Kirchheimbolanden den Sprung in den Stadtrat geschafft. FOTO: dpa / Uwe Anspach
Kirchheimbolanden. Die Schließung ihres geliebten Freibads war für Lisel Heise der entscheidende Impuls. Im Alter von 100 Jahren wagte sie einen Neubeginn in der Politik. Wie lautet ihre Bilanz der ersten Monate? dpa

Ihre gute Laune steckt an. „Es geht nach wie vor noch etwas rund“, sagt Lisel Heise am Ende eines turbulenten Jahres und lacht. Seit Juni sitzt sie im Stadtrat ihres pfälzischen Heimatorts Kirchheimbolanden – im Alter von 100 Jahren. Die Nachricht vom Wahlerfolg der älteren Dame mit den weißen Haaren ging um die Welt, nun will Heise politisch gestalten. „Aber ich mache keine Pläne für nächstes Jahr. Ich lasse alles an mich rankommen“, betont sie. „Meine Kräfte sind nicht unerschöpflich.“

Für die ehemalige Lehrerin war es ein unglaubliches 101. Lebensjahr. „Wer etwas ändern will, muss sich dafür einsetzen“, sagte Heise und kandidierte im Mai für die Initiative „Wir für Kibo“. Kibo steht für Kirchheimbolanden, einen Ort mit knapp 8000 Einwohnern im Donnersbergkreis. Die Wahl wurde zum Triumph: Sie erhielt die meisten Stimmen (991), rückte von Listenplatz 20 auf Platz 1 vor und erhielt eins von zwei Mandaten ihrer Wählergruppe. Insgesamt hat der Stadtrat 24 Sitze. „Das war schon ein gutes Gefühl“, sagt die Stadträtin. „Ich habe aber auch zuvor versucht, etwas in der Gemeinde zu machen.“

Letzter Anstoß für ihr Engagement war die Schließung ihres geliebten Freibads 2011. „Der Zustand ist Idiotie! Mir blutet das Herz“, sagte sie vor der Wahl. „Das war mein Lebenselixier und ein Kinderzimmer für viele im Ort.“ Nun gibt es Hoffnung: „Auf Lisel Heises Initiative hin wurde der Verein ‚Badegewässer in Kibo’ Ende September ins Vereinsregister eingetragen“, teilt Thomas Bock von „Wir für Kibo“ mit. Die Ideen reichen von einem Löschteich über ein Naturfreibad bis hin zu einem Badesee. „Mit Lisel Heises Hilfe werden wir das Thema in den kommenden Monaten weiter voranbringen“, kündigt Bock an.



„Ich bin froh – zuvor habe ich mir ja den Mund fusselig geredet“, sagt die Hundertjährige. „Jetzt habe ich aber echt Hoffnung, dass es etwas wird.“ Als Stadträtin habe sie mehr Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. „Jetzt darf ich reden – und die Leute hören zu.“ Allerdings: „Der Körper braucht Ruhepausen. Es funktioniert nicht mehr so, wie man es gerne möchte. Aber man kann auch Nein sagen, wenn es nicht passt“, meint Deutschlands wohl älteste Stadträtin.

Heise führt ein bewegtes Leben. Als Lisel Waltgenbach wird sie am 12. März 1919 geboren. Sie arbeitet als Lehrerin in Künzelsau (Baden-Württemberg), bis sie im Krieg nach Danzig abkommandiert wird, um Umsiedlern zu helfen. Ihren Mann heiratet sie 1942 in seinem Urlaub während des Afrika-Feldzugs. Nach dem Krieg arbeitet Heise wieder als Lehrerin. Sie hat vier Kinder großgezogen und ist begeistert vom politischen Engagement der heutigen Jugend, etwa bei der Klimabewegung „Fridays for Future“. „Das macht mir Hoffnung.“

Hingegen könne sie beim Blick auf die Weltpolitik manchmal „das große Grausen“ packen. „Wir haben uns zu weit vom Humanismus entfernt und sind mit vollen Segeln in den Kapitalismus eingestiegen“, meint Lisel Heise. Das sei aus ihrer Sicht die Ursache vieler Querelen. „Es wird ja nur gefragt: Rentiert es sich? Und jetzt haben wir den Salat.“ Der Alltag werde für viele Menschen immer teurer und der Lohn geringer.

Die etablierten Parteien betrachtet Heise durchaus mit Skepsis, aber ein Politiker hat ihr imponiert: der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). „Ich will den Mund aufmachen“, sagt die bewundernswert fitte Seniorin, „solange ich noch Kraft habe.“