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Realschule plus in der Kritk
„Es herrscht große Unzufriedenheit“

FOTO: dpa / Felix Kästle
Zweibrücken. Zweibrücker Pädagogen teilen viele Kritikpunkte des Landeselternbeirats Rheinland-Pfalz zu Problemen an der Realschule plus. Von Mirko Reuther

Ist der Zustand der Realschulen plus ein „Desaster auf allen Ebenen“. Das steht zumindest in dem Brandbrief, den der Landeselternbeirat (LEB) Rheinland-Pfalz zum zehnjährigen Jubiläum der Schulform herausgegeben hat.

Der Hintergrund: Mit Beginn des Schuljahres 2009/2010 wurden in Rheinland-Pfalz schrittweise alle Haupt- und Realschulen zusammengeführt. Schon damals monierte der damalige Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, dass sich mit der Abschaffung der Hauptschule nicht die Hauptschüler und deren individuelle Bedürfnisse auf Förderung abschaffen ließen. Das moniert der LEB auch heute noch: „Welcher Mensch käme im Sport auf die Idee anzunehmen, bei der Zusammenlegung einer Regionalligamannschaft mit einer Kreisklassemannschaft zu einer ‚Regionalligamannschaft plus‘, könnten plötzlich alle Kreisklassespieler wie durch ein Wunder Regionalliganiveau erreichen?“, fragt der Beirat rhetorisch.

Die Kritik: Lehrkräfte, die für die Arbeit mit förderbedürftigen Kindern ausgebildet sind, seien an den Realschulen plus kaum vorhanden. Klassen seien zu groß. Die Politik reagiere gleichgültig, Leidtragende seien Schüler und Lehrkräfte – die „Verlierer eines Spardiktates“.



Die Erfahrungen an Zweibrücker Schulen decken sich tendenziell mit der Kritik des LEB. „Es herrscht eine große Unzufriedenheit, wir hatten ein gut funktionierendes Realschulsystem. Einige Dinge sind bei der Einführung der Realschule plus nicht überdacht worden. Es gibt viele kleine Punkte, die in der Praxis nicht funktionieren“, sagt Marc Sadowski, der stellvertretende Schulleiter der Mannlich-Realschule plus. Die Klassen seien mit Ausnahme der Berufreifeklassen mit bis zu 30 Pennälern zu groß: „weniger Schüler in einer Klasse sind bei der Förderung das A und O“, so Sadowski. Das sieht Thomas Trier, stellvertretender Schulleiter der Herzog-Wolfgang-Realschule plus, genauso. Zwar gebe es an seiner Schule nicht wie vom LEB im Hinblick auf die Realschule plus moniert „massive Disziplinprobleme“ – aber eine „höhere Grundunruhe“ und „Schwierigkeiten, ruhig und konzentriert zu arbeiten.“ Er ist sich sicher: „Das Problem könnte mit kleineren Klassen behoben werden.“

Da die Herzog-Wolfgang-Schule eine Schwerpunktschule für förderbedürftige Schüler ist, könne er auch bestätigen, dass mehr Förderlehrkräfte wünschenswert seien. „Dafür müsste die Politik aber Geld in die Hand nehmen“, moniert Trier, der auch an anderer Stelle Handlungsbedarf sieht. Die an zwei Standorten gelegene Herzog-Wolfgang-Schule unterhält nur einen Sozialarbeiter, der außerdem noch in einem Jugendzentrum tätig ist. „Zumindest eine Vollzeitstelle wäre angebracht. Das ist keine Kritik an der Arbeit. Bei uns gibt jeder alles – aber viele Probleme müssen wir derzeit aufschieben.“ Investiert werden müsse weniger in „Möbel oder Computer, sondern in Humankapital.“

Auch an der Mannlich-Realschule plus sind die Mittel knapp. Sadowski: „Die Bereiche IT-Technik und Sozialpädagogik müssten gestärkt werden. Bei uns reparieren Lehrkräfte die Computer. Die Zeit könnte in den Unterricht fließen.“ Die Zusammenarbeit mit den Elternvertretern beschreibt Sadowski hingegen als vorbildlich: „Der Kontakt ist sehr offen, die Treffen sind regelmäßig. Mal formell, mal gehen wir Pizza essen.“ Trier sieht dagegen beim Zusammenspiel mit den Eltern noch Verbesserungsbedarf: „Manche Eltern melden sich nur, wenn sie sich über etwas beschweren wollen. Wenn man aber auf eine wichtige Rückmeldung wartet, kommt wenig. Bei manchen Elternabenden sind kaum ein Drittel der Eltern da. Das ist ein bisschen traurig.“

Das Land wehrt sich gegen die Kritik an der Realschule plus: „Wer jetzt ein falsches Bild zeichnet, der trägt in keiner Weise zu einer qualifizierten Entscheidung der Eltern bei der Schulwahl für ihre Kinder bei“, sagte Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) jüngst.

Aber die Kritik des LEB geht noch weiter. Er moniert mangelnde Flexibilität der Schulform: Fehlentscheidungen bei der Wahl der sogenannten Wahlpflichtfächer ließen sich nicht mehr wie früher nach zwei Jahren korrigieren. Zudem werde heute schon zwischen der fünften und sechsten Klasse der künftige Weg der Schüler vorgezeichnet. Wählten die Pennäler dann nämlich keine zweite Fremdsprache, sei der Wechsel an ein Gymnasium anschließend kaum mehr möglich. Dabei sei genau dies ursprünglich vorgesehen gewesen. Diese Kritik kann Trier nur bedingt teilen: „Viele Gymnasien bieten mittlerweile Crash-Kurse an, mit denen die zweite Fremdsprache nachgeholt werden kann. Diese Fälle hatten wir öfters.“ Sadwoski hingegen teilt den LEB-Standpunkt: „De facto ist es so, dass schon nach der fünften Klasse eine Entscheidung getroffen werden muss, die den schulischen Werdegang des Kindes vermutlich entscheidend vorauszeichnet.“

Einig sind sich beide darin, dass die Reputation der Schulform ihnen große Sorgen bereitet. Trier: „Die Realschule ist viel besser als ihr Ruf. Hier arbeiten wahnsinnig engagierte Menschen. Aber ich habe Bedenken, dass das Imageproblem der Hauptschulen jetzt zum Imageproblem der Realschule plus wird.“