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Gutachter sagen vor Großer Jugendkammer aus
War es nur eine eingebildete Vergewaltigung?

 Justitia hält eine Waage in ihrer Hand – auch im Prozess zu einer gemeinschaftlichen Vergewaltigung, in dem heute das Urteil fällt.
Justitia hält eine Waage in ihrer Hand – auch im Prozess zu einer gemeinschaftlichen Vergewaltigung, in dem heute das Urteil fällt. FOTO: dpa / David-Wolfgang Ebener
Zweibrücken/Pirmasens. Vor der Großen Jugendkammer des Landgerichts Zweibrücken hat eine Gutachterin am Montag Zweifel an der gemeinschaftlichen Vergewaltigung geäußert, die drei Pirmasensern vorgeworfen wird. Von Rainer Ulm

Eine Gutachterin hat am Montag im Prozess um eine gemeinschaftliche Vergewaltigung vor der Großen Jugendkammer des Landgerichts Zweibrücken für eine Überraschung gesorgt. Professorin Petra Retz-Junginger vom Institut für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie in Homburg stellte nämlich vor der Kammer die Hypothese auf, dass es sich bei der Schilderung des Tatablaufs seitens des 18-jährigen mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers vielleicht um eine sogenannte „Schein­erinnerung“ handeln könnte.

„Es gibt das Phänomen, dass sich jemand an etwas erinnert, was nie passiert ist“, sagte die 52-jährige Psychologin. „Einvernehmlicher Sex kann im Nachhinein durchaus als nicht einvernehmlich umgedeutet werden.“ Diese Möglichkeit könne in diesem Fall zumindest „nicht sicher ausgeschlossen werden“, zumal die 18-Jährige im Verlaufe von mehreren Vernehmungen und im Zeugenstand hier und da widersprüchliche Angaben zum Tatablauf gemacht habe. Auch rührten einige der bei ihr gefundenen Hämatome offenbar nicht vom vermeintlichen Tattag her, sondern waren – entgegen ihren Angaben – älteren Datums. „Das alles heißt ja nicht, dass sexuell nichts passiert ist“, schließlich seien eindeutige DNA-Spuren unter anderem an ihrer Unterwäsche und an ihrem Körper gefunden worden. Aber Gewalt müsse nicht zwingend im Spiel gewesen sein, sagte Retz-Junginger.

Während der Untersuchung hätte die 18-Jährige angegeben, am Pfingstwochenende von Pforzheim nach Pirmasens gefahren zu sein und die drei Männer in der Wohnung in der Schanzenstraße besucht zu haben, berichtete die Psychologin. Dabei soll das Trio laut der 18-Jährigen „zunehmend aufdringlich“ geworden sein. Die Männer wären schließlich über sie hergefallen, zwei von ihnen hätten sie abwechselnd vergewaltigt, der dritte hätte sie dabei festgehalten. Und sie hätten die Szene sogar abwechselnd mit einem Handy gefilmt. Alle Beteiligten standen an jenem Pfingstwochenende unter erheblichem Einfluss von Alkohol und Drogen, was ein ebenfalls am Montag vorgestelltes toxikologisches Gutachten belegte. Es war ein folgenschwerer Cocktail aus Wodka, Bier und Ecstasy-Pillen, den die junge Frau und die drei Männer konsumiert hatten. „Einige Stunden fehlen ihr allerdings“, sagte die Psychologin über das Erinnerungsvermögen der 18-Jährigen. „Sie hatte einen völligen Blackout.“ Was sich auf ihre Wahrnehmung und spätere Bewertung der Situation auswirken musste, in die ein „Schema-Wissen“ über eine Vergewaltigung eingeflossen sein könnte, sagte die Homburger Professorin.



Die Staatsanwaltschaft wirft den drei 19-, 21- und 40-jährigen Männern vor, am Pfingstwochenende in einer Wohnung in der Pirmasenser Schanzenstraße die damals 17-jährige Pforzheimerin vergewaltigt zu haben. Dabei sollen die 40- und 19-Jährigen laut Anklage den Beischlaf vollzogen und der 21-Jährige die junge Frau dabei festgehalten haben.

Am heutigen Dienstag wird ab 9.30 Uhr das Urteil erwartet.