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Landgericht Zweibrücken
Vergewaltigungs-Prozess ausgesetzt: Gericht ordnet Gutachten an

 Das Landgericht Zweibrücken.
Das Landgericht Zweibrücken. FOTO: Mathias Schneck
Zweibrücken/Pirmasens. Gibt es Zweifel? Das Landgericht Zweibrücken lässt im Berufungsverfahren gegen einen Studenten die Belastbarkeit der Aussagen seines mutmaßlichen Opfers prüfen. Von Rainer Ulm

Eigentlich sollte am gestrigen Donnerstag in der Zweiten Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken das Urteil im Berufungsprozess um den Fall eines 22-jährigen Studenten gesprochen werden. Er war am 12. Dezember 2018 vom Pirmasenser Amtsgericht wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt worden.

Doch es gab eine überraschende Wende: Der Vorsitzende Richter Michael Schubert verkündete nach gut einer Dreiviertelstunde Verhandlungsdauer und einer kurzen Beratung mit dem zweiten Berufsrichter und den beiden Schöffen den Beschluss, die Hauptverhandlung auszusetzen, um ein Gutachten zu den Aussagen der Nebenklägerin, also dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer, einzuholen. Damit solle die „Belastbarkeit der Aussagen“ der Nebenklägerin geprüft werden. Schließlich, so Schubert, gebe es hier die „besondere Situation“, dass die junge Frau zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Vergewaltigung „in ihrer Wahrnehmung beeinträchtigt“ war oder „zumindest eine Trübung ihres Bewusstseins“ bestand. Auch Staatsanwältin Karin Ephan hegte offenbar Zweifel an den Aussagen des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers. Zumindest deuteten ihre Worte darauf hin: Sie wolle zwar ihrem Schlussvortrag nicht vorgreifen, aber sie glaube, dass „die Aussagen nicht ausreichend belastbar sind“. Ein psychologisches Gutachten hielt sie für „nicht erforderlich“. Doch das Gericht entschied anders.

Die Vorgeschichte: Der Student soll laut Anklageschrift in der Nacht zum 21. Oktober 2017 mit seiner damaligen, ein Jahr jüngeren Freundin in seiner Wohnung – einer Wohngemeinschaft – in Pirmasens zunächst einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehabt haben. Als die junge Frau dabei in Ohnmacht fiel, soll er mit ihr „gegen ihren vorher erklärten Willen einen Analverkehr durchgeführt“ und sie dabei verletzt haben. Zudem soll er seine damalige Freundin bei dieser Sexualpraktik mit seinem Handy fotografiert haben. Die junge Frau hatte ihm nach diesem Vorfall signalisiert, dass ihre Beziehung wohl keine Zukunft habe. Schließlich erstattete die junge Frau Anzeige bei der Polizei – sechs Wochen nach der mutmaßlichen Vergewaltigung. Und sie soll mit dem 22-Jährigen am Morgen danach noch einmal Geschlechtsverkehr gehabt und dann mit den Mietern der Wohngemeinschaft „ganz normal“ gemeinsam gefrühstückt haben, wie einer der Mitbewohner als Zeuge zu Beginn der Hauptverhandlung ausgesagt hatte. Von der mutmaßlichen Vergewaltigung habe er erst viel später erfahren (wir berichteten).



Die Verhandlung wird nach dem Vorliegen des Gutachtens fortgesetzt, was bis zu einem Jahr dauern kann.