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Prozess gegen 26-Jährigen
Gewalttätiger Epileptiker soll in Psychiatrie

Pirmasens/Zweibrücken. Verfahren gegen 26-jährigen Pirmasenser am Landgericht Zweibrücken: In einem Fall ohrfeigte er eine Kundin im Supermarkt, im zweiten Fall warf er einem Mann eine leere Wodka-Flasche an den Kopf. Von Rainer Ulm

Es waren Gewalttaten aus heiterem Himmel: Am 18. Juli 2018 zerrt ein junger Mann im Kassenbereich eines Pirmasenser Supermarktes unvermittelt am Kopftuch einer Frau und schlägt ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Zwei Wochen später, am 31. Juli, wirft er einem Mann, der gerade seinen Hund ausführt, auf offener Straße eine leere Wodka-Flasche an den Kopf. Für diese Angriffe muss sich derzeit ein 26-Jähriger vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken in einem Sicherungsverfahren verantworten.

Staatsanwältin Lena Bonn wirft dem Beschuldigten in ihrer Antragsschrift Körperverletzung vor. Sie geht allerdings davon aus, dass der 26-Jährige „im Zustand der Schuldunfähigkeit“ gehandelt hat. Er leide unter einer chronischen organisch-psychischen Störung in Zusammenhang mit Epilepsie. Sie beantragte deshalb die dauerhafte Unterbringung in der forensischen Psychiatrie, weil der junge Mann auch weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle.

Aber besteht diese Gefahr wirklich oder waren es nur zwei für den 26-Jährigen untypische Ausraster? Diese Frage will das Gericht beantwortet haben, um zu einem angemessenen Urteil kommen zu können. Dazu rief der Vorsitzende Richter Christian Wagner zunächst den Vater des jungen Mannes in den Zeugenstand.



Der 55-jährige Kraftfahrer, der zugleich der Betreuer des 26-Jährigen ist, berichtete, dass sein Sohn bereits seit frühester Kindheit – damals lebte die Familie noch in Armenien – unter Epilepsie leide – möglicherweise als Folge von zwei Unfällen im Alter von drei und sechs Jahren. Einmal sei der kleine Junge in einen Kanalschacht gefallen, ein anderes Mal habe er einen schweren Stromschlag bekommen: „Der Stromschlag war so stark, dass sich sein Schädel geöffnet hat. Es ging ihm sehr schlecht.“

Irgendwann sei sein Sohn fast täglich von epileptischen Anfälle heimgesucht worden. Weil er die Hoffnung hatte, dass sein Sohn in Deutschland medizinisch besser behandelt werden könne, seien die Eltern und die drei Kinder im Jahr 2013 nach Pirmasens übergesiedelt.

In der Folgezeit sei der kranke Sohn unter anderem in der Homburger und in der Bonner Universitätsklinik behandelt, mehrmals wochenlang stationär aufgenommen worden. Die Mediziner hätten ein, wie er es ausdrückte, „Hämatom im Kopf“ festgestellt. Ihm sei gesagt worden, dass man es zwar operieren, aber eine Lähmung zurückbleiben könne. Deshalb habe er bislang davon Abstand genommen. „Ich habe Angst, dass mein Sohn im Rollstuhl sitzt“, sagte der 55-Jährige. Stattdessen habe er sich dafür entschieden, seinen Sohn weiterhin – auch gegen dessen Willen – medikamentös zu behandeln und ihn quasi Tag und Nacht im Auge zu behalten: „Er ist immer unter Kontrolle. Wir lassen ihn nie alleine.“

Er und sein Sohn, der immer noch „drei bis vier Mal im Monat“ von epileptischen Anfällen geschüttelt werde, gingen nur gemeinsam spazieren, zum Einkaufen oder zum Arzt, beteuerte der Vater im Zeugenstand. Die Wohnungstür sei immer abgeschlossen. Und wenn er den 26-Jährigen doch einmal allein zum Einkaufen schicke, folge er in einigen Metern Abstand. Und zwar nicht, weil er befürchte, dass er anderen Menschen etwas antun, sondern dass seinem Sohn etwas geschehen könnte, antwortete der 55-Jährige auf eine entsprechende Frage von Staatsanwältin Bonn.

Offenbar haben aber alle diese Vorsorgemaßnahmen zumindest an jenen zwei Tagen im Juli 2018 nichts genützt. Denn der 26-Jährige muss sich nun in einem so genannten Sicherungsverfahren verantworten. Es ähnelt einem Strafverfahren, jedoch beantragt die Staatsanwaltschaft dabei keine Freiheitsstrafe, sondern die Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie. Sollte sich allerdings während der Verhandlung herausstellen, dass der Beschuldigte doch ganz oder teilweise schuldfähig ist, kann das Sicherungsverfahren in ein Strafverfahren umgewandelt werden.

Zwei weitere Gerichtstermine sind vorgesehen. Die Verhandlung wird am 17. Februar um 12 Uhr fortgesetzt.