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Gruselfest
Zwischen Kürbissen und Grabschmuck

 Ursprünglich kommt der Brauch aus Irland und wird dort immer noch zelebriert, wie hier bei der Macnas Halloween Parade in der Innenstadt von Galway.
Ursprünglich kommt der Brauch aus Irland und wird dort immer noch zelebriert, wie hier bei der Macnas Halloween Parade in der Innenstadt von Galway. FOTO: dpa / Niall Carson
Homburg. An kaum einem anderen Fest stoßen moderne und alte Bräuche so sehr aufeinander wie am 1. November. Ist Halloween oder Allerheiligen? Von Christine Maack

„Zu Halloween fällt mir nichts ein“, sagt der katholische Homburger Pfarrer Pirmin Weber. Er meine dies nicht negativ, es sei lediglich ein Event, mit dem er nicht viel anfangen könne. Kein Wunder, zumal Halloween erst seit den 90-er Jahren von den USA nach Deutschland hinüberschwappte und somit nicht zu den Kindheitserinnerungen der Über-40-Jährigen zählt.

Aber kaum ein Brauch hat sich so schnell verbreitet wie Halloween, „das Fest wächst und wächst und ist ein großer Spaß“, sagt Petra Scheithauer, evangelische Pfarrerin von Bruchhof-Sanddorf. Und auch der Direktor des Saarpfalz-Gymnasiums, Jürgen Mathieu, beobachtet, dass sich Schüler und Schülerinnen um Halloween herum gerne verkleiden, „es ist ähnlich wie an Fastnacht“.

An kaum einem anderen Feiertag kommen zwei so verschiedene Sichtweisen zusammen wie am 1. November: auf der einen Seite das durchaus ernste Fest Allerheiligen, auf der anderen Seite Party, Gruselklamotten und ausgehöhlte Kürbisse. Mehr Gegensätze gehen kaum noch. Wie gehen die katholischen Pfarrer damit um?



„Ich sehe in Halloween keine ‚Konkurrenz’ zum christlichen Feiertag Allerheiligen“, so Pfarrer Pirmin Weber, „von Allerheiligen geht die Frohe Botschaft aus, dass die Verstorbenen, denen wir nahe standen, in Gottes Hand sind. Daher die frischen Blumen und Kerzen auf den Gräbern als Symbole des Lebens. Wir zeigen, dass wir die lieben Menschen, die um uns waren, immer noch in unser Leben miteinbeziehen.“

Hochschulpfarrer Stefan Seckinger sieht dies ähnlich: „Es wäre unsinnig, wenn es an Allerheiligen einfach darum ginge, nochmal alle Heiligen ins Gedächtnis zu rufen, die formell heiliggesprochen worden sind. Die Sinnspitze ist eine ganz andere: Da Heiligkeit meint, von Gott geliebt zu sein und niemals aus dieser Liebe herauszufallen, geht uns das Thema von Allerheiligen alle an. Die Liebe, die wir Menschen entgegenbebracht haben, geht über den Tod hinaus.“

Deswegen besuchten viele Menschen an diesem Tag den Friedhof, auf dem die verstorbenen Verwandten liegen und bringen Blumen mit.

Stefan Seckinger, der nicht nur Theologe, sondern auch studierter Psychologe und Philosoph ist, sieht in Halloween kein religiöses Fest und deswegen auch keine Konkurrenz zu Allerheiligen. „Als Psychologe sehe ich aber eine interessante Parallele zu den christlichen Festtagen Allerheiligen und Allerseelen. Hier wie dort geht es auch um Ausdruck und Bewältigung von Ängsten, in Bezug auf die Brüchigkeit und Begrenztheit unseres Lebens.“

Das äußerliche Gruselgefühl, das etwa durch Kostüme oder Kürbisfratzen seinen Ausdruck finde, helfe den Menschen, im Inneren mit Ängsten fertig zu werden, vermutet Seckinger. Für ihn sei Halloween daher mehr als nur ein lustiges Kostümfest: „Es passt zur kalten, dunklen Jahreszeit wie zu den Ängsten, die in uns Menschen wohnen und die wir zu bewältigen suchen.“

Dazu gehörten gruselige Dekors mit Blut, schwarzen Spinnweben und Totenkopfmasken, die vor allem bei Halloween-Partys getragen werden. „Diese Gruselpartys sind sehr beliebt“, bestätigt der Veranstalter Thorsten Bruch, „die Besucher verkleiden sich gerne mit Gruselkostümen und malen sich unheimliche Gesichter.“

Im vergangenen Jahr hat Bruch eine große Halloween-Party im Homburger Musikpark veranstaltet, in diesem Jahr habe es nicht geklappt, „aber nicht wegen mangelnden Interesses, sondern, weil ich das Bockbierfest vorbereiten muss“. Er selbst komme nicht dazu, sich zu gruseln, „denn ich muss an am 31. Oktober und am 1. November arbeiten, da bleibt nichts mehr für Halloween-Spaß übrig.“

Katholische Iren brachten das Halloween-Fest in die Vereinigten Staaten, wo es zum Selbstläufer wurde, „weil es offensichtlich etwas in den Menschen berührt und deswegen für viele, nicht nur Kinder und Jugendliche, von Bedeutung ist,“ vermutet Seckinger. Dass Halloween und das damit verbundene Brauchtum nicht verteufelt werden solle, habe sich ihm kürzlich beim sonntäglichen Gemeindegottesdienst wieder erschlossen: „Da kam ein Ministrant von der Messdienerstunde und brachte einen riesigen Kürbis mit. Aber er hatte keine Fratze ausgeschnitten, sondern das Symbol der Pfarrgemeinde! Ich habe ihn gebeten, den Kürbis mit einem Licht darinnen vor den Altar zu stellen, wo er seitdem leuchtet.“

Pfarrerin Petra Scheithauer, die Halloween lustig findet, setzt dennoch andere Prioritäten: „Ich feiere am 31. Oktober Reformationstag. Dieser Tag bedeutet für mich, dass ich meinen christlichen Glauben so leben kann, wie ich es schätze. Ich bin dankbar für den Mut der Kirchenreformer, die sich von überkommenen Vorstellungen befreit und damit auch die Kirche ein Stück weit emanzipiert haben.“ Das seien ernste Gedanken, die mit Halloween wenig zu tun hätten, „aber ich finde, wir können gut nebeneinander existieren.“ Man könne an die Reformatoren denken, der Toten gedenken und trotzdem auf einem Kürbis-Ball tanzen.

 Allerheiligen verbinden die meisten älteren Menschen mit einem Besuch auf dem Friedhof. Man bringt Blumen und Kerzen an das Grab von Angehörigen und Freunden, um zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. 
Allerheiligen verbinden die meisten älteren Menschen mit einem Besuch auf dem Friedhof. Man bringt Blumen und Kerzen an das Grab von Angehörigen und Freunden, um zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind.  FOTO: BECKER&BREDEL / bub