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Schriftkunst
100 Jahre für eine gute Schrift

 Gudrun Zapf von Hesse ist eine Schriftkünstlerin und Schriftentwicklerin von Weltrang, aktuell sind einige Arbeiten der 101-jährigen in den Räumen der Stiftung Schriftkultur in Bruchhof zu sehen.
Gudrun Zapf von Hesse ist eine Schriftkünstlerin und Schriftentwicklerin von Weltrang, aktuell sind einige Arbeiten der 101-jährigen in den Räumen der Stiftung Schriftkultur in Bruchhof zu sehen. FOTO: Thorsten Wolf
Bruchhof. Gudrun Zapf ist eine Legende in der Kalligrafie. Gestern war sie in Gut Königsbruch zu Gast. Sie steht für gutes Design einer verkannten Kunst. Von Thorsten Wolf

Als Gudrun Zapf von Hesse am 2. Januar 1918 in Schwerin geboren wurde, da konnte noch keiner ahnen, dass hier eine Jahrhundert-Persönlichkeit das Licht der Welt erblickt hatte. Dass ihr Name trotz ihres jahrzehntelangen Wirkens in Deutschland außerhalb von Fachkreisen aber kaum den Klang hat, den er eigentlich verdient, das liegt an einem sehr einfachen Umstand: Die Welt, in der Zapf von Hesse ihre Spuren hinterlassen hat, ist eine, die in Deutschland nur wenig und selten Würdigung als Kunstform genießt – die der Schriftkunst.

Aktuell zeigt die Stiftung Schriftkultur, zu Hause im Gut Königsbruch in Bruchhof, Arbeiten der nun 101 Jahre alten Gudrun Zapf von Hesse. Und am Mittwochnachmittag war die Schriftkünstlerin selbst zugegen,  trotz ihres hohen Alters und ihrer charmant unaufgeregten Persönlichkeit unbestreitbar Mittelpunkt einer lebendigen Kaffeetafel, organisiert von Katharina Pieper, der Stiftungsvorsitzenden.

An ihrer Seite sollte sich an diesem Tag auch Helmut Matheis finden, auch seine Werke derzeit Gegenstand der Ausstellung in Bruchhof und auch er unglaubliche 101 Jahre alt. Matheis musste seinen Besuch in Bruchhof aber leider absagen – und so rückte Gudrun Zapf von Hesse alleine in den Mittelpunkt des geselligen Nachmittags bei Kaffee, Kuchen und guten Gesprächen.



Nun gibt es viel mit und über die Schriftkünstlerin zu sprechen, hat sie doch zusammen mit ihrem 2015 verstorbenen Ehemann Hermann Zapf buchstäblich das Schriftbild im Verständnis vieler geprägt. Und selbst echten Kindern des Computers dürfte die Schrift „Zapf Dingbat“ ein Begriff sein. Diese Schrift hatte Hermann Zapf gestaltet, Gurdrun Zapf von Hesse ihrerseits erschuf zahlreiche Schriften – bekannt wurde sie mit ihrem Wirken aber vor allem aber außerhalb Deutschlands und hier vor allem auch in den USA. Dort wurde sie 1991 mit dem Frederic W. Goudy Award ausgezeichnet, der mit dem deutschen Gutenberg-Preis vergleichbar ist und als die höchste amerikanische Auszeichnung auf dem Gebiet der Schrift- und Buchkunst gilt.

2001 wurde ihr und ihrem Mann zu Ehren das Zapfest in San Francisco ausgerichtet und der 2. September von San Franciscos Bürgermeister Willie Brown zum Hermann and Gudrun Zapf Day ausgerufen – so zumindest nachzulesen bei der großen Online-Wissensplattform „Wikipedia“. Und wer es dort zu einem umfangreichen Eintrag geschafft hat, so wie Grudrun Zapf von Hesse, der muss schon etwas Bedeutsames erschaffen haben.

Am Mittwoch in der lockeren Kaffeerunde wurde die heute in Darmstadt lebenden Künstlerin dann auch mal in einem Atemzug mit Dali, Monet oder Picasso genannt, quasi als schriftkünstlerisches Pendant zu diesen großen Malern. Darauf angesprochen, lachte Zapf von Hesse leise und kommentierte solche Vergleiche ganz unprätentiös mit: „Das nimmt man nicht so ernst“.

Überhaupt: Bei all ihrem Erreichten ist Bescheidenheit das, was Gudrun Zapf von Hesse mit am meisten auszeichnet. Von Hause aus Buchbinder-Meisterin, habe sie in den 1940-gern Schriftunterricht bei Johannes Boehland an der Meisterschule für grafisches Gewerbe in Berlin genommen, erinnerte sich die Schriftkünstlerin am Mittwochnachmittag im Gespräch mit unserer Zeitung.

Gefragt, was eine gute Schriftkunst ausmache, sagte Zapf von Hesse: „Wichtig ist, wie die Schrift auf dem Papier verteilt ist.“ Heute sei das bei Büchern teilweise sehr schlecht gelöst.

Nun kann es durchaus die Auffassung geben, im rüstigen Alter von 101 Jahren könne man sich als Schriftkünstlerin von Weltrang, und – so Katharina Pieper – zusammen mit Helmut Matheis älteste ihres Fachs „in der westlichen Welt“, gemütlich zurückziehen. Doch gerade ist in New York eine Ausstellung mit Werkens Zapfs zu Ende gegangen. Und zu Ehren ihres hundertsten Geburtstags wurde ihre Schrift „Hesse Antiqua“, enstanden vor 70 Jahren, 2018 von Monotype digitalisiert. Still wird es also um Gudrun Zapf von Hesse zum Glück nicht.

Dazu trägt auch die aktuelle Ausstellung der Stiftung Schriftkultur im Gut Königsbruch in Bruchhof mit bei. Dass Homburg hier einen Kunst- und Kulturort hat, den es so weit und breit andernorts nicht gibt, das hat sich noch nicht in dem Maße überregional rumgesprochen.

Dabei bietet der Trägerverein dort nicht nur Ausstellungen von internationalem Rang wie die von Zapf von Hesse und Matheis, sondern neben der Galerie auch das Jean-Larcher-Archiv als Würdigung dieses herausragenden, französischen Schriftkünstlers, eine Bibliothek mit umfangreicher Fachliteratur, ein Museum zur Kultur der Schrift und mit der stiftungseigenen Akademie auch Bildung- und Fortbildungsangebote zum kalligrafischen und handschriftlichen Schreiben.