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Ausgrabungen an der Burg
Graben, bis das Wasser kommt

Mit seiner Arbeit im Brunnenschacht auf aktuell 16 Metern Tiefe entlockt Udo Bernimollin vom Förderkreis Kirkeler Burg der Geschichte des Gemeindewahrzeichens Zentimeter um Zentimeter all das, was es zu finden gibt.
Mit seiner Arbeit im Brunnenschacht auf aktuell 16 Metern Tiefe entlockt Udo Bernimollin vom Förderkreis Kirkeler Burg der Geschichte des Gemeindewahrzeichens Zentimeter um Zentimeter all das, was es zu finden gibt. FOTO: Thorsten Wolf
Kirkel. Der Förderkreis Kirkeler Burg hat das Ausgrabungsprojekt am Burgbrunnen bisher mit rund 25 000 Euro gefördert. Hinzu kommt der unermüdliche Fleiß ehrenamtlicher Helfer. Irgendwann kommt ein großer Fund, darauf hoffen alle. Von Thorsten Wolf

Was wäre Hollywood ohne seine großen Archäologen-Helden: Indiana Jones und Lara Croft haben das Bild dieser Wissenschaft populär geprägt. Spannende Abenteuer, Gefahr, die Jagd dem großen Schatz – all das steht für dieSuche nach den Spuren vergangener Zeiten. Doch es ist eine Traumwelt. Und die hat so gar nichts gemein mit dem, was Archäologie eigentlich ist.

Tatsächlich geht es darum, in kleinen Schritten ein Bild vom großen Ganzen zu zeichnen. Und das mit viel Sorgfalt und Geduld. Wer sich von genau einer solchen Arbeit einen Eindruck verschaffen möchte, der ist in diesen Tagen auf der Kirkeler Burg genau richtig.

Dort läuft schon seit einigen Jahren die Ausgrabung des Burgbrunnens. 16 Meter haben sich Udo und Anne Bernimollin nach unten gegraben. Beide sind Mitglieder des Förderkreises Kirkeler Burg. Der hat inzwischen rund 25 000 Euro in das Ausgrabungsprojekt gesteckt. Neben den beiden Bernimollins gehört auch noch Förderkreismitglied Tom Bronder als vorgeschriebener Höhenretter zum Team. Vierte im Bunde ist die Archäologin Christel Bernard von der kreiseigenen Beschäftigungsgesellschaft Aquis. Sie ist für die wissenschaftliche Seite der Ausgrabung zuständig.



Das Kirkeler Quartett hat schon so einiges zu Tage gefördert. Glascherben, Reste von Tonwaren, Nägel und andere Eisenteile, Tierknochen, Knöpfe und Schließen. Verantwortlich dafür, dass all diese Funde im Meer aus Sand und Steinen nicht untergehen, sind eben Anne und Udo Bernimollin.

Im Wechsel graben sie entweder auf der Brunnensohle oder sieben das, was per elektrischem Seilzug in Eimern nach oben gebracht wird, nach Fundstücken durch. An diesem Mittwoch ist es erstmal Anne Bernimollin, die für die Kontrolle des Ausgrabungsmaterials zuständig ist. Von Hause aus Radiologie-Assistentin, erfüllt sich Anne mit der ehrenamtlichen Arbeit am Burgbrunnen wohl auch einen kleinen Traum. „Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert“, erzählt sie, während sie mit geschultem Auge, Handbesen und Kelle Eimer für Eimer Aushub über einem Gitter aussiebt. Es entgeht ihr nichts, mag ein Stück Keramik oder Metall auch noch so klein sein.

16 Meter unter ihr gräbt sich ihr Ehemann Udo in 70-Zentimeter-Abschnitten weiter nach unten. Diese Einteilung ist im Ausgrabungssystem begründet: Jeweils eine Hälfte der Brunnenfläche wird ausgebraben. Die Schnittkannte zum noch nicht abgetragenen Teil wird dann fotografiert. Und 70 Zentimeter Höhe sind genau das Maß, das die eingesetzte Kamera auf einem Foto abbilden kann. Um eine komplette Ebene des Brunnens um 70 Zentimeter weiter auszugraben, benötige man 12 echte Arbeitsstunden, erzählt Udo Bernimollin. Wer diese Zahlen hört, der gewinnt jede Menge Respekt für den ehrenamtlichen Einsatz der Förderkreismitglieder. Zwischen Ausgräber und „Sieber“ hat Tom Bronder seinen Platz.

Er ist der gesetzlich vorgeschriebene Höhenretter. Als solcher hat er ein waches Auge auf das, was in der Tiefe unter ihm und auch rund um die Grabung geschieht. Zusätzlich bedient er das Aufzugssystem, mit dem das Grabungsgut an die Oberfläche kommt. Bronder ist vom Fach.

Als Steiger auf Reden ist er mit solchen Einsätzen vertraut. Und seine Ruhe strahlt aus. Was natürlich alle umtreibt: Kommt vielleicht ein großer, überragender Fund zu Tage? Archäologin Christel Bernard hat diese Hoffnung durchaus. „Man hat in anderen Brunnen schon ganz, ganz spektakuläre Funde gemacht. Und das hoffen wir natürlich auch.“ Dazu wird man weiter graben müssen. Unklar ist allerdings, wie tief.

„Man muss bis in den Nassbereich gehen“, sagt Bernard. Wo der anfange, das sei die große Frage. „Wenn wir bis zum Grundwasser und dem Niveau des Mühlenweihers gehen müssen, dann sind das etwas mehr als 60 Meter. Das wäre für einen Brunnen nicht ungewöhnlich.“ Es könnte aber auch sein, so Bernard, dass man schon in weiteren zehn oder 15 Metern auf Wasser stoße – dann, wenn es eine wasserundurchlässige Schicht gibt, auf der sich Wasser sammelt und dann wieder hochgedrückt wird.

Gerade der Nassbereich könnte sich als lohnenswert erweisen. Denn: Wasser konserviert organische Stoffe. Und dann könnte sich das Fundspektrum deutlich erweitern. Am Mittwoch machte auch Kirkels Bürgermeister Frank John den Ausgrabungen einen unangekündigten Besuch.

Mit dabei war auch sein Töchterchen Zoe. Sie erhielt von Christel Bernard gleich noch eine kleine Geschichtsstunde anhand der bisher zu Tage geförderten Fundstücke. Und genau darum geht es: Geschichte greifbar zu machen.

Während Tom Bronder als Höhenretter ein Auge auf den Brunnenschacht hat, überprüfen Archäologin Christel Bernard (links) und Anne Bernimollin vom Förderkreis das Grabungsgut.
Während Tom Bronder als Höhenretter ein Auge auf den Brunnenschacht hat, überprüfen Archäologin Christel Bernard (links) und Anne Bernimollin vom Förderkreis das Grabungsgut. FOTO: Thorsten Wolf