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Austritte
Die Kirchen werden immer leerer

 Für Pfarrer ist es schmerzlich, am Sonntag vor leeren Bänken zu predigen. Vielleicht sollte man über andere Zeiten nachdenken, regt Dekan Eric Klein an.
Für Pfarrer ist es schmerzlich, am Sonntag vor leeren Bänken zu predigen. Vielleicht sollte man über andere Zeiten nachdenken, regt Dekan Eric Klein an. FOTO: dpa / Oliver_Berg
Homburg.. Was tun gegen den Schwund der Gläubigen? Obwohl viele Leute aus der Kirche austreten, wollen sie doch die Kirche und die Heimat behalten. Von Christine Maack

Was ist mit den Kirchen los? Das Bistum Speyer hatte kürzlich über wichtige Kennzahlen des kirchlichen Lebens im Jahr 2018 informiert (wir berichteten). Die Zahl der Katholiken im Bistum Speyer ist gegenüber dem Vorjahr um rund 9000 zurückgegangen und lag zum Ende des Jahres 2018 bei rund 518 600 Gläubigen. In der Zahl von rund 5250 Austritten im vergangenen Jahr zeigt sich für Generalvikar Andreas Sturm der Vertrauensverlust, den die Kirche vor allem durch den Missbrauchsskandal in den vergangenen Jahren erlitten hat.

„Es ist schmerzlich, dass uns Menschen, die der Kirche jahrzehntelang treu verbunden waren, jetzt den Rücken kehren.“ Wie sieht es im Saarpfalz-Kreis aus? Andreas Sturm, der jahrelang Seelsorger in St. Ingbert war, kennt die Situation aus eigener Anschauung, ebenso wie Eric Klein, Pfarrer der Pfarrei Heilige Familie in Blieskastel und Dekan des Dekanats Saarpfalz und damit Nachfolger von Andras Sturm. Ihm geht der Verlust der Gläubigen in den saarpfälzischen Pfarreien nahe: „Ich bin ratlos und auch traurig. Der Verlust geht quer durch alle Altersgruppen. Es sind junge Berufstätige, ältere Erwachsene und auch solche, die der Kirche mal verbunden waren, zum Beispiel als Messdiener.“ In seiner Blieskasteler Pfarrei schrumpfte die Gemeinde innerhalb von neun Jahren um 1300 Personen, „das ist ein kleines Dorf, das da wegbricht“. Von ursprünglich 9500 Katholiken sind noch 8200 übrig geblieben.

Die Ursachen seien verschiedener Art, so Klein. Natürlich habe Generalvikar Andreas Sturm recht, wenn er die Missbrauchsfälle anspreche. Sturm hatte gesagt, er setze sich persönlich dafür ein, „durch eine konsequente Aufarbeitung des Missbrauchs und einen Kurs der Reformen das Vertrauen der Menschen wieder zu gewinnen“. Die Erschütterung durch den Missbrauchsskandal reiche bis ins Zentrum der Gemeinden hinein und höhle die innere Bindung der Gläubigen an die Kirche aus, so Generalvikar Andreas Sturm.



Die Zahl der Kirchenbesucher lag, gemessen an der Gesamtzahl der Gläubigen, im vergangenen Jahr bei 7,4 Prozent im gesamten Bistum. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren hatten noch rund 11,6 Prozent der Gläubigen einen Sonntagsgottesdienst besucht.

Für Dekan Eric Klein kommen aber noch andere Faktoren hinzu. Er schreibe die Leute an, versuche, die Gründe zu verstehen, die zum Austritt führen. „Die Affäre um das Bistum Limburg hat der katholischen Kirche auch geschadet. Da ging es um viel Geld. Und das haben viele Leute nicht vergessen.“ Deshalb höre er oft, „die Kirche hat doch genug Geld, wieso braucht die noch meinen Beitrag“, oder „die Kirche ist so reich, die soll erst mal ihre eigenen Rücklagen aufbrauchen“. Oder die Leute sagen: „Ich glaube an Gott, aber ich brauche dazu nicht die Institution Kirche. Ich kann allein beten“. Glaube, so Klein, brauche aber „immer auch eine Gemeinschaft“, das sei seit Jesus von Nazareth nie anders gewesen. Erst in der Gemeinschaft erlebe man den Glauben.

Und was das Geld betreffe: Einrichtungen wie Kindergärten, Restaurierungen und karitative Dienstleistungen würden teils oder ganz von den Kirchen finanziert. Es seien, so Klein, „gerade im Saarpfalz-Kreis einige kirchliche Immobilien veräußert worden, um die Einnahmensseite zu verbessern“.

An die Kirchenbauten selbst sei man noch nicht gegangen, „aber das ist nur eine Frage der Zeit. In anderen Ländern ist das schon so, da werden sogar Kirchen verkauft“. Sollte dies in unserer Region eintreffen, so vermutet Klein, sei das Entsetzen vermutlich groß, „denn eine Kirche ist ein Kulturgut, das man bewahren möchte“. Es sei, so fügt er hinzu, wie mit dem letzten Metzger im Dorf: „Wenn alle Leute in den Supermarkt gehen, ist eines Tages der Metzger weg und alle wundern sich und sind traurig, warum das so gekommen ist“.

Der Rückgang der Kirchenbesuche sei nur ein Symptom für das langsame Wegsterben der Kirchengemeinden, „auch die Chöre lösen sich auf“. Erst war es ein Problem, die Sänger noch an Feiertagen zusammenzubekommen, denn die Individualisierung schreite fort, „inzwischen stehen ganze Chöre vor dem Aus“.

Generalvikar Sturm möchte „durch neue missionarische Angebote und eine Kultur der Offenheit die Kirche für die Menschen wieder attraktiver machen. Wir wollen den Menschen an den entscheidenden Wendepunkten ihres Lebens nahe sein“. Das betont natürlich auch Dekan Klein: „Bei Taufen sind die Eltern dankbar, wenn sie eine schöne Feier haben, dazu gehört auch der Segen für das Kind. Oder bei Beerdigungen ist es den Hinterbliebenen wichtig, dass sie tröstende Worte hören“. Oft ergebe sich daraus wieder eine Rückbesinnung auf die Kirche, „es gibt da auch Aufbrüche“, so Klein.

Das Bistum Speyer sei entschlossen, die Entwicklung nicht einfach hinzunehmen, sondern den Auftrag und die Überzeugungskraft des Evangeliums neu zu entdecken. Dazu startet das Bistum im September einen auf zwei Jahre angelegten Prozess. „Darin wollen wir der Frage nachgehen, welche Botschaft der Glaube für die Welt von heute haben kann“, verdeutlicht Andreas Sturm. Er hat die Hoffnung, dass es „zu einer echten und grundlegenden Erneuerung der Kirche kommt“.

Auch Eric Klein überlegt sich so einiges: „Vielleicht sollten wir über andere Gottesdienstzeiten nachdenken. Sonntags um 10 Uhr ist nichts jedermanns Sache. Vor allem, wenn man berufstätig ist oder am Wochenende wegfahren möchte“. Die Kirche könne sich mehr dem Alltagsleben der Menschen anpassen. Und noch etwas ist ihm wichtig: Die Kirche stehe auch für eine jahrhundertealte Tradition des Abendlandes und auch für so etwas wie Heimatgefühl oder Vertrautheit, auch wenn man sich dessen nicht unmittelbar bewusst sei: „Ich glaube nicht, dass jemand möchte, dass die Kirchtürme aus unseren Stadtbildern verschwinden sollen“. Aber wenn niemand mehr in die Kirchen gehe, „dann werden die Kirchen sterben. Und mit ihnen ein Stück unserer Identität“.

 An besonderen Festen wie Weihnachten, Ostern oder an der Erstkommunionfeier ist die Kirche voll.
An besonderen Festen wie Weihnachten, Ostern oder an der Erstkommunionfeier ist die Kirche voll. FOTO: Thomas Seeber