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Alice Hoffmanns neuer Film
Karl Marx’ sonniges Gemüt aus St. Wendel

Alice Hoffmann spielt die Rolle von Lenchen Demuth in einer SR-Produktion. Sie wird am 26. April im Dritten gezeigt.
Alice Hoffmann spielt die Rolle von Lenchen Demuth in einer SR-Produktion. Sie wird am 26. April im Dritten gezeigt. FOTO: Cathrin Elss-Seringhaus
St. Wendel/Saarbrücken. Helene Demuth wurde die Geliebte des Philosophen Karl Marx. In einer SR-Filmproduktion spielt Alice Hoffmann, bekannt als „s’ Hilde“, das wohl berühmteste Dienstmädchen der Welt.

Als Alice Hoffmann (66) in Saarbrücken Soziologie und Germanistik studierte, kaufte sie ihre Bücher bei „Lenchen Demuth“, der roten Buchhandlung im Nauwieser Viertel. Wie die meisten links-bewegten Kunden wusste sie nicht, wer das war. Beziehungsweise nur, dass diese Frau Haushälterin bei der Familie Marx gewesen war. Aber Saarländerin? Und Mutter eines von Marx gezeugten, aber nie anerkannten Sohnes? Mehr noch: Dieses St. Wendeler Mädchen aus dem Tagelöhner-Milieu soll die Gesprächs- und Schachpartnerin des großen Intellektuellen gewesen sein, zugleich über 40 Jahre lang Gouvernante von zeitweise sieben Kindern und Chefmanagerin des bettelarmen Marx-Haushaltes, der sich ein großbürgerliches Mäntelchen umgehängt hatte.

Alles nicht wirklich bekannt, oder sagen wir so: Alles nicht populär. Selbst in ihrer Geburtsstadt St. Wendel bekam Lenchen Demuth (1820-1890) erst 2012 eine Erinnerungs-Statue. Im Karl-Marx-Jahr 2018 entdeckt man aber nun auch das Lenchen. Bald erscheint ein Roman, der Titel: „Revolution im Herzen. Die heimliche Liebe des Karl Marx“, vom armen Mädchen zur engsten Vertrauten. Das lässt Kitsch erwarten. Dann hält man sich wohl besser an einen SR-Film, der neue Forschungsergebnisse aufbereitet. Er wird am 26. April im Dritten ausgestrahlt, und die kabarettistische Saarland-Ikone Alice Hoffmann („s’Hilde“, Vanessa Backes) verkörpert die Titelfigur. Auch aus biografischen Gründen eine besondere Besetzung.

Hoffmann nennt sich immer noch „Kommunistin“, freilich der „eigenen Art“, weil sie den staatlich organisierten Kommunismus als Kleptokratie ablehnt. An der Uni hat sie sich durch die Kapitalismus- und Klassenkampf-Theorie von Karl Marx gepflügt. Doch dessen Privatleben interessierte die damals marxistisch-leninistisch Engagierte keinen Deut. Das blieb bis vor kurzem so.



Erst als der in Saarbrücken lebende Regisseur Klaus Gietinger wegen seines Films „Lenchen Demuth und die Familie Marx“ auf sie zukam, begann das Nachforschen über das wohl „berühmteste Hausmädchen der Welt“, so ein Etikett, das für Demuth immer mal auftaucht. Denn welche Frau ihres Standes wäre jemals von so vielen klugen Köpfen in Briefen erwähnt worden, etwa von August Bebel oder Wilhelm Liebknecht. Letzterer schrieb: „Lenchen hatte die Diktatur im Hause (…). Und Marx fügte sich wie ein Lamm dieser Diktatur. (…) Lenchen hätte sich für Karl geopfert. Sie kannte ihn mit seinen Launen und Schwächen, und sie wickelte ihn um den Finger.“ Auch für Friedrich Engels, dem die über Sechzigjährige nach dem Tod von Marx noch sieben Jahre lang den Londoner Haushalt führte, wurde Demuth mehr als eine praktische Alltags-Stütze. Sie ordnete mit ihm den Marx-Nachlass und politisierte munter mit, wenn sonntags seine Freunde um die Tafel saßen.

Wie sieht Hoffmann ihre Figur? „Sie hat Marx sehr geliebt, sonst hätte sie seine schlimme Handschrift nicht entziffern können. Und sie war weit intelligenter und einflussreicher, als man annahm.“ Hoffmann verkörpert im Film das ältere Lenchen, wobei Gietinger, wie er erläutert, Illusionskino vermeidet. Selbst Spielszenen soll der Zuschauer als Rekonstruktion wahrnehmen. Der Film ist eine „Doku-Fiction“, eine Mischung aus dokumentarischer Spurensuche vor Ort, aus Historiker-Interviews und erfundenen, selbst geschriebenen Sequenzen. In denen tauchen Hoffmann und ihre Kollegin Iris Reinhardt-Hassenzahl (junges Lenchen) auf.

„Die meiste Mühe machte mir der St. Wendeler Dialekt“, sagt Hoffmann, deren Bühnenfiguren bisher mit Saarbrücker Einfärbung redeten. Beschäftigt haben Hoffmann jedoch auch die Brücken, die sie zu ihrem eigenen Leben fand. Etwa, dass sie selbst, wie Demuth, über lange Strecken eine harmonische Dreier-Beziehung führte: „Auch ich hatte einen Mann, der zwei Frauen zugleich lieben konnte“.

Jenny, die aus adeligen Verhältnissen stammende Frau von Marx, kannte das Dienstmädchen Lenchen von früher Jugend an und brachte es mit in die Ehe. Am Ende lag Demuth neben Jenny und Karl im Familiengrab. Ausgeschlossen aus dieser Ménage à trois blieb freilich Harry Frederick Demuth (1851-1929). Dass Lenchen ihren Sohn in eine Pflegefamilie abgeben musste und Engels sich als dessen Vater ausgab, erklärt sich Hoffmann mit dem „gesellschaftlichen Druck“.

Für Gietinger, der 2018 auch einen Karl-Marx-Roman veröffentlichen wird, hat das Leben der Familie Marx „Züge einer griechischen Tragödie“. Von sieben Kindern starben vier, und zwei überlebende Töchter begingen Selbstmord. Da brauchte es im Alltag wohl eine wie Lenchen, ein „sonniges Gemüt“ aus St. Wendel. Auch das sagen Quellen.