| 23:14 Uhr

Einen Monat nach Mias Tod
Kandel sucht weiter die Normalität

 Trügerische Idylle: Auch vier Wochen nach der Bluttat ist in Kandel nichts mehr so wie es war.
Trügerische Idylle: Auch vier Wochen nach der Bluttat ist in Kandel nichts mehr so wie es war. FOTO: dpa / Thomas Frey
Kandel. Der gewaltsame Tod einer 15-jährigen Mia löste Ende Dezember Entsetzen aus. Mutmaßlicher Täter ist ihr Ex-Freund, ein Flüchtling. Das bescherte der Kleinstadt eine Auseinandersetzung mit ungekannter Schärfe, die auch einen Monat nach der Tat nicht beendet ist.

(dpa) Vor dem Drogeriemarkt in Kandel erinnern nur noch ein paar Flecken aus weißem Wachs an Mias Tod. Sie stammen von Kerzen, die für die Tote aufgestellt wurden. Die 15-Jährige starb in dem Geschäft, erstochen in der Kosmetikabteilung. Am 27. Januar liegt die Tat einen Monat zurück. Den Eltern des Mädchens hat sie nach Angaben des evangelischen Pfarrers unermesslichen Schmerz gebracht. Und weil der Verdächtige ein afghanischer Flüchtling ist, erlebten die Kommune und ihre etwa 9000 Einwohner eine Auseinandersetzung, die vielen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Damit einher gingen anonyme Drohungen und Schmähungen gegen die Verwaltung und jene, die mit Flüchtlingen zu tun haben. Es geht dabei auch um den Hass, den manche empfinden, und darum, dass die Gemeinde sich deshalb dem Verdacht ausgesetzt sah, ein Hort rechter Umtriebe zu sein. Stadtbürgermeister Günther Tielebörger hat nach eigenen Angaben Morddrohungen erhalten, auch Verbandsgemeindebürgermeister Volker Poß (beide SPD) wurde bedroht. „Wenn Sie die E-Mails lesen, glauben Sie nicht, dass die Leute in Deutschland aufgewachsen sind“, sagt Tielebörger, der auch der örtliche SPD-Vorsitzende ist.

Sein Eindruck sei, dass es „ganz, ganz vielen gegen den Strich ging“, dass der Fall auf die politische Ebene gehoben worden sei, sagt der Vorsitzende des CDU-Gemeindeverbandes Kandel, Michael Niedermeier. Viele hätten die Trauer seiner Ansicht nach ausleben wollen und gesagt, es müsse mal Ruhe herrschen. Doch damit ist vorerst wohl nicht zu rechnen. Für diesen Sonntag haben zwei verschiedene Gruppierungen Demonstrationen angekündigt, es sind nicht die ersten. Man hoffe, dass es friedlich ablaufe, sagt ein Sprecher der Verbandsgemeinde.



Dieser Teil der Realität vermischt sich mit dem Gedenken an das tote Mädchen. Kalter Winterregen fällt auf sein mit Blumen geschmücktes Grab. Der mutmaßliche Täter, der nach offiziellen Angaben ebenfalls 15 ist, war der Ex-Freund der Schülerin. Sie hatte sich von ihm getrennt, ihn sogar angezeigt, weil er ihr gedroht haben soll. Weil ihn nach der Tat mancher für älter hielt, entbrannte eine bundesweite Debatte um die Altersermittlung bei jungen Flüchtlingen. Der Afghane saß zunächst wegen Totschlagsverdachts in U-Haft, inzwischen wird wegen Mordes ermittelt. „Das war für viele wichtig“, sagt Niedermeier.

Und wie ist die Situation jetzt? Es sei ruhiger geworden, sagen viele auf der von Fachwerkhäusern gesäumten Hauptstraße. Aber nicht jeder hat sich beruhigt. „Wenn ich das sagen würde, was ich denke, würde ich im Knast landen“, sagt ein etwa 35 Jahre alter Mann, der im Supermarkt neben dem Tatort einkauft. Ein „negativer Beigeschmack“ sei geblieben, sagt eine 58-Jährige aus der Umgebung. Man wisse nicht, „inwiefern man diesen Asylanten trauen kann, rein menschlich. Ich denke, man ist kritischer geworden“. Die Wirtin eines Lokals beim Bahnhof sagt, es sei abends sehr ruhig geworden. „Die Leute gehen nicht mehr fort. Die haben Angst.“

Eine 55 Jahre alte Blumenverkäuferin sagt dagegen, so eine Tat könne immer irgendwo passieren: „Das hat mit Ausländern nichts zu tun.“ Sie habe 20 Jahre in Bayern an einem Ort ohne Ausländer gelebt und trotzdem sei etwas passiert: Ein Nachbar habe Frau und Kind getötet und sich umgebracht. Eine 61 Jahre alte Bankangestellte sagt, die Tat sei immer noch Thema, zum einen, weil die Menschen mitfühlten, zum anderen, weil die extremen Rechten sich organisiert hätten. Sie kämen von überall und missbrauchten den Fall für ihre Zwecke. Die Zustimmung dazu in Kandel sei nicht so wie mitunter dargestellt. Es gehe nicht gegen die Asylbewerber. „Die Leute haben Mitgefühl.“

„Es kommt sehr viel von außen, aber es sind auch welche aus Kandel dabei, die mitlaufen, mittun, die sich kritisch mit der Bundespolitik und den Asylsuchenden auseinandersetzen“, sagt Stadtbürgermeister Tielebörger. Bund und Land seien nun gefordert, etwas gegen die Ursachen zu tun. Das Sicherheitsgefühl müsse wiederhergestellt und mehr für den sozialen Wohnungsbau getan werden. Manchen reichten zwei Einkommen nicht für Leben und Miete, Asylbewerber hingegen bekämen eine Wohnung, dürften aber nicht sofort arbeiten. „Dass das zu Unmut führt, ist ja klar.“

Tielebörger hat aus dem Fall seine Schlüsse gezogen: „Einmal die erschreckende Lehre, dass man längst nicht mehr in so einer vermeintlich heilen Welt lebt.“ Und dass die Gewaltbereitschaft im Internet in einem Ausmaß gewachsen sei, wie er es nicht für möglich gehalten habe. „Es werden Narben da sein“, sagt er. Nun wollten alle zur Normalität zurückkehren, aber ohne zu vergessen, was war. Die Stadt plane mit Unterstützung der Vereine für das Frühjahr ein internationales Begegnungsfest, ein Fest, bei dem sich alle wiederfinden sollten. Man wolle zeigen, „dass wir kein braunes Loch sind, demokratisch sind, keine Probleme haben, uns mit Ausländern zu beschäftigen“.

(dpa)