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Konfliktforscher raten zu Gesprächen
Kandel: Experten wollen Gesprächsforen

 Ein Zettel mit der Aufschrift „Engel sind für immer nah“ liegt vor dem Drogeriemarkt zwischen den abgelegten Blumen und Kerzen, wo die 15-jährige Mia erstochen worden war. Gespräche sollen helfen, die Tat zu verarbeiten. 
Ein Zettel mit der Aufschrift „Engel sind für immer nah“ liegt vor dem Drogeriemarkt zwischen den abgelegten Blumen und Kerzen, wo die 15-jährige Mia erstochen worden war. Gespräche sollen helfen, die Tat zu verarbeiten.  FOTO: dpa / Andreas Arnold
Landau. Gespräche im großen Kreis können helfen, den Tod der 15-jährigen Mia zu verarbeiten, sagen Konfliktforscher.

Nach dem gewaltsamen Tod der 15-jährigen Mia in Kandel sowie zahlreichen Demonstrationen von rechts und links sind viele Menschen in dem südpfälzischen Ort verunsichert. Sie fühlten sich „möglicherweise ein bisschen verloren“, weil sie „weder von der einen Seite, noch von der anderen Seite wirklich abgeholt“ würden, sagte der Leiter der Friedensakademie Rheinland-Pfalz, der Landauer Junior-Professor Janpeter Schilling, der Deutschen Presse-Agentur.

Er regte die Schaffung von Foren an, in denen die Menschen sich austauschen und über die Frage „was passiert hier eigentlich?“ reflektieren könnten. Es sei wichtig, „eine Spaltung von Kandel“ zu verhindern und zu sagen: „Das ist eigentlich ein Anlass, bei dem wir als Kandeler jetzt zusammenrücken müssen“. Auch in den Schulen könnte das Thema aus Sicht von Schilling und seiner Kollegin Melanie Hussak gezielt angegangen werden. Zu den zahlreichen Demonstrationen sagte der Konfliktforscher: „Normalerweise ist davon auszugehen, dass es eine Hochphase gibt, die sich aber wieder abschwächt.“

Die 15-jährige Mia war Ende Dezember vermutlich von ihrem Ex-Freund, einem Asylbewerber aus Afghanistan, erstochen worden. Seitdem kommt der Ort nicht zur Ruhe. Es gibt immer wieder fremdenfeindliche Demonstrationen und Gegendemonstrationen, schon mehrere tausend Demonstranten und an die tausend Polizisten waren auf einmal in der knapp 9000 Einwohner zählenden Stadt. Gesperrte Straßen halten Besucher und Kunden ab, der Handel klagt über Einbußen, viele Bürger sehen Kandel als „rechtes Loch“ diskriminiert. Gegen den Ex-Freund wurde unterdessen Anklage wegen Mordes erhoben. Der Prozess wird vermutlich noch im Juni beginnen.



„Es ist nicht das erste Mal, dass ein Ort durch so einen Vorfall zu einem Platz für rechte Aufmärsche und zu einem Polarisierungsort wird“, sagte Schilling. Anders als bei einem Anschlag – etwa am Berliner Breitscheidplatz – handele es sich in Kandel jedoch in erster Linie um eine Beziehungstat, die wegen der Herkunft des Beschuldigten für rechte Aufmärsche missbraucht werde. Kandel sei kein permanenter Kristallisationspunkt für Rechte wie etwa das Grab des Nazis Horst Wessel. Das lasse Rückschlüsse auf die Dauer der Aktionen zu. „Man kann jetzt, wo der Prozess in den Medien ist, von der höchsten Intensität der Proteste ausgehen“, sagte der Geograf und Inhaber der Klaus-Töpfer-Stiftungsprofessur. Wegen der Meinungsfreiheit sei es wichtig, die Demonstrationen zuzulassen, auch wenn dies für den Ort „nicht günstig“ sei, ergänzte er.

Schilling wies darauf hin, dass viele der Demonstranten von rechts und links gar nicht aus Kandel kommen. „Die Frage ist: wo ist da eigentlich die Kandeler Bevölkerung?“ Sie stünde „in der Lücke dazwischen“. In anderen Fällen habe man erlebt, dass es „eine Spaltung in den Ortschaften gibt und eine gewisse Hilflosigkeit, mit der keiner umzugehen weiß. Deshalb ist es hier wichtig, Foren, Interaktion zu schaffen.“ Auf die Frage, ob dies von der Kommune ausgehen solle, sagte er, der Bürgermeister habe kurz nach der Tat vor einer übereilten Bewertung gewarnt, „was vom Prinzip genau das Richtige ist. Aber man muss hier auch den Bürgern ein Forum geben, bei dem sie sich darüber austauschen können.“ Das solle sich nicht auf Demonstrationen beschränken, „sondern das muss ein kontinuierlicher Prozess sein“.

Dabei sollten Themen wie der soziale Umgang miteinander besprochen werden, aber auch persönliche Anliegen, etwa die Frage, wie man mit Anfeindungen umgehe, sagte Hussak. Schilling sagte, in dem Raum für Diskussionen müssten auch Menschen Gehör finden, die eine kritischere Einstellung zu Flüchtlingen hätten. Dass Eltern Angst um ihre Kinder hätten, sei zunächst nachvollziehbar. Sie deshalb auszuschließen und als Nazis darzustellen, sei kontraproduktiv. Diese Gefahr bestehe aber, wenn man nur gegen etwas sei, statt sich zu sagen: „Geschockt hat der Fall uns alle. Wie gehen wir nun damit um?“ Er riet auch dazu, nach der Situation der etwa 200 Asylsuchenden in Kandel zu fragen. Sie seien auch massiv von der Entwicklung betroffen, hätten aber ganz andere Ängste als andere Kandeler.

Hussak verwies auf ein vom Gymnasium im Bad Bergzaberner Alfred-Grosser-Schulzentrum initiiertes EU-Projekt mit Schulen in Italien, Polen und Litauen zum Thema „Für und wider die Willkommenskultur – wo stehen wir und wie entwickelt es sich in den Ländern?“. Dabei sei auch angesprochen worden, wie wichtig es sei, sowohl die Pro- als auch die Contra-Flüchtlings-Haltung zuzulassen. Zudem sei es darum gegangen, ein offenes Klima zu schaffen, in dem sich jeder mit seiner Haltung präsentieren könne, „um überhaupt in den Dialog zu kommen“. „Solche Dinge kann man mit den Schulen in Kandel auch machen“, sagte sie.