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Das große Krabbeln
Jahr der Insekten: Krabbler-Schwemme nach Rekord-Sommer

Wanzen und Insekten haben aufgrund des warmen Sommers auch in den kommenden Monaten in Rheinland-Pfalz Hochkonjunktur.
Wanzen und Insekten haben aufgrund des warmen Sommers auch in den kommenden Monaten in Rheinland-Pfalz Hochkonjunktur. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Frankfurt/Mainz. Durch die lange Wärmeperiode haben sich Wanze und Wespe in Rheinland-Pfalz stark vermehrt. Auch fremde Krabbler könnten sich hier nun heimisch fühlen.

Sie sitzen im Treppenhaus, auf Fensterscheiben oder belagern ganze Häuserwände: Viele Menschen in Hessen und Rheinland-Pfalz sind derzeit von vielen Wanzen als Mitbewohner genervt. Grund für die Insektenschwemme sei die lange Wärmeperiode gewesen, durch die sich die Tiere schneller und öfter vermehren konnten, erklärte die Naturschutzreferentin beim Naturschutzbund (Nabu) in Rheinland-Pfalz, Ann-Sybil Kuckuk. Nun, wenn die Temperaturen abkühlen, suchten die kleinen Krabbler einen geeigneten Platz zum Überwintern.

Aber nicht nur die Wanze ist Ende Oktober noch aktiv – auch andere Insekten krabbeln in der Herbstsonne herum: „Wanzen, Marienkäfer und Wespen – gibt es derzeit alles noch“, sagte die Naturschutzreferentin. Die warmen Temperaturen im Oktober kämen vielen Insekten zugute. In der Regel hätten Wanzen einmal im Jahr Nachkommen, aufgrund des langen Sommers hätten sie sich dieses Jahr aber zweimal fortpflanzen können. Auch Wespen hätten von der Wärme profitiert und reichlich Eier legen können. „Man kann sagen: Es ist das Jahr der Insekten“, sagte Kuckuk.

Die Vögel freuen sich laut der Expertin über die vielen Insekten als zusätzliche Energiestärkung vor ihrer Reise in den Süden – mancher Hausbewohner aber ekelt sich vor den Tieren. Auf Twitter posten derzeit Menschen Fotos von den Wanzen und sprechen von einer „Wanzen-Plage“. „Ich würde die Wanze nicht als Plage bezeichnen“, sagte die Sprecherin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Hessen, Susanne Schneider. „Sie ist ein Lästling. Dadurch, dass sie reinkommt und dadurch, dass sie stinken kann.“



Gefährlich seien die Wanzen nicht, sagte Schneider. Zerquetschen solle man die Tierchen aber dennoch nicht, denn wenn sie sich bedroht fühlen, dann stoßen sie ein Abwehrsekret aus - und das riecht für den Menschen sehr unangenehm. Die Expertin berichtet aus eigener Erfahrung: „Wenn man die Tiere los haben will, dann muss man ein Glas über sie stülpen, ein Papier drunter legen und sie ins Freie bringen. Leider kommen die Wanzen nur allzu gerne wieder zurück.“

Nach Angaben der Experten gibt es bereits mehr als 100 verschiedene Wanzenarten in Deutschland, wie die gefärbte Feuerwanze, die Grüne Stinkwanze oder die Graue Gartenwanze. Bettwanzen seien in Deutschland extrem selten und werden nur vereinzelt von Urlaubern eingeschleppt.

Laut BUND gibt es jetzt eine neue Wanzenart, die sich in Deutschland etablieren könnte: die Marmorierte Baumwanze aus dem ostasiatischem Raum. „Im Raum Hessen wurde sie bereits in Frankfurt gesichtet. Es gilt aber abzuwarten, ob sich diese Art hier in Deutschland etablieren kann“, sagte Schneider.

Neben der Marmorierte Baumwanze seien auch andere Insektenarten in Deutschland wiederholt registriert worden. „Zum Beispiel die Asiatische Tigermücke, welche die stillstehenden Gewässer in diesem trockenen Sommer für sich nutzen konnte. Oder die Blaue Holzbiene, mit ihren schwarz-blau schimmernden Flügeln, die in Rheinland-Pfalz gesichtet wurde“, sagte Kuckuk. Auch die Europäische Gottesanbeterin, die ursprünglich aus dem Süden kommt, sei bereits an verschiedenen Stellen in Hessen wieder aufgetaucht, hieß es vom BUND Hessen.

Die Insekten reagieren laut Experten auf die Klimaveränderung in Deutschland und konnten sich in diesem Jahr oft vermehren. An sich sei das eine gute Sache, erklärte BUND-Sprecherin Charlotte Reutter in Mainz. „Mehr Insekten bedeuten mehr Blumen, mehr Vögel und einen größeren Fruchtertrag.“ Das bedeute aber nicht das Ende des Insektensterbens: Die Voraussetzungen der Lebensräume der Tierchen seien so schlecht wie zuvor, sind sich die Experten einig.