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250 000 Kraniche erwartet
Trompetende Glückssymbole am Himmel

Rund 250 000 Kraniche werden im Oktober Rheinland-Pfalz und Hessen auf ihrem Weg in den Süden überqueren.
Rund 250 000 Kraniche werden im Oktober Rheinland-Pfalz und Hessen auf ihrem Weg in den Süden überqueren. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Wetzlar/Mainz. Vogelliebhaber können ihre Ferngläser zücken: In großen V-Formationen fliegen wieder Kraniche in den Südwesten. Biologen erwarten Massenflugtage. Was haben Kraniche mit Segelflugzeugen gemeinsam?

Erste Trompetenrufe hoch oben am Himmel künden wieder ein Naturschauspiel über Hessen und Rheinland-Pfalz an: Experten erwarten den Durchzug vieler tausend Kraniche. „Letzten Freitag habe ich über Wetzlar schon 30 bis 40 gesehen“, sagte der Biologe Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen der Deutschen Presse-Agentur. „Das waren Vorboten, der Hauptzug kommt noch. Meist gibt es von Mitte Oktober bis Anfang November bei geeignetem Wetter ein paar Massenflugtage.“

Hessen und Rheinland-Pfalz liegen auf der Hauptroute der großen Zugvögel von ihrer Heimat in Nordeuropa nach Frankreich, Spanien und Portugal. Insgesamt werden über Hessen und Rheinland-Pfalz laut Langenhorst um die 250 000 Kraniche erwartet. Die laut trompetenden Vögel gelten als Glückssymbole und fliegen hoch oben in auffälligen V-Formationen von 60 bis 200 Tieren. Sie orientieren sich an Bergen und Flüssen.

Entscheidend ist laut dem Biologen, ob der Boden gefriert – dann können Kraniche nicht mehr genug zum Fressen finden, etwa Gras, Würmer und Insekten. „Sie fliegen der Nahrung hinterher“, erklärte der Experte. „Derzeit stauen sie sich in großen Mengen an der Ostsee und in Mecklenburg-Vorpommern.“



Ideal sei gutes Wetter mit Ostwind: „Dann versuchen Kraniche, diesen Wind wie ein Segelflugzeug zu nutzen.“ Mit rund 70 Kilometern pro Stunde könnten die großen Zugvögel es in einem Tag von der Ostseeküste bis zu ihrem Rastplatz am Marne-Stausee (Lac du Der-Chantecoq) in Nordfrankreich schaffen. „Nachmittags überfliegen sie dann Hessen und Rheinland-Pfalz.“ Bei schlechterem Wetter mit Luftverwirbelungen versuchen Kraniche laut Langenhorst, kreisend mit viel Energieaufwand in günstigere Luftschichten zu gelangen. Oft sei dann eine Zwischenlandung nötig.

Der Klimawandel wirkt sich auch auf den Vogelzug aus: Er kann sich verschieben. Früher brachen Kraniche nach Langenhorsts Worten schon Anfang Oktober in Massen gen Südwesten auf. Wegen der milderen Winter zögen sie auch nicht mehr alle bis nach Spanien und Portugal, sondern blieben bei geeigneten Temperaturen beim französischen Marne-Stausee. „Wenn es um Weihnachten herum wärmer wird, kommen viele auch wieder zurück und gucken, ob es im Norden was zu Fressen gibt“, erläuterte der Biologe. „Manchmal fliegen sie in einem Winter hin und her.“

Und die anderen Zugvögel? „Wir sind mitten im Vogelzug“, sagte Langenhorst. „Die Mauersegler sind schon Ende Juli, Anfang August weggeflogen.“ Auch viele Singvögel seien längst gen Süden aufgebrochen. Ein Teil der Störche zum Beispiel halte sich dagegen noch hier auf: „Die fliegen mittlerweile auch später weg.“