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Wenn man sieht, wo man enden kann, denkt man nach „Da wurde etwas bewegt“

Homburg. Unfallchirurgen sind Unfälle gewohnt, das ist ihr Beruf. Doch es geht an die Nieren, wenn in einer Nacht mehrere junge Leute nach einer wilden Autofahrt eingeliefert werden und nicht mehr zu retten sind. Deshalb wird nun am Uniklinikum ein Präventionsprojekt für Schulklassen gestartet, das nachhaltig wirkt. Christine Maack

Unfälle - das sind immer die anderen. So denken jedenfalls die meisten Menschen, wenn sie von einem Unfall hören. Und ganz besonders Jugendliche, die sich allzu sorglos nach der Party zu Freunden ins Auto setzen und nicht damit rechnen, dass die Freunde womöglich übermütig, angetrunken oder durch Papas dickes Auto angetörnt, plötzlich aufs Gaspedal treten. Es kommt immer wieder vor, dass eine solche Fahrt am nächsten Baum oder im Graben endet und die Insassen, die eben noch fröhlich zusammen waren, tot sind - oder für den Rest ihres Lebens behindert.

Auch erfahrene Unfallchirurgen, die schon viel erlebt haben, lässt eine solche Situation nicht kalt. Es ist belastend, den Angehörigen erklären zu müssen, dass die Jugendlichen, die doch nur ein bisschen feiern wollten, nun nie wieder eine Party besuchen werden.

Aus diesem Grund wurde vor etwa zehn Jahren in Kanada eines der weltweit erfolgreichsten Präventionsprogramme für Schulklassen und Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren entwickelt. In Zusammenarbeit mit den führenden Unfallkliniken Deutschlands wurde diese besondere Idee durch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie nach Deutschland gebracht.

Kern des Programms ist ein Tag, den Schulklassen in einer Unfallklinik verbringen und dort die verschiedenen Stationen eines (Schwer-)Verletzten erleben.

Das Programm heißt P.A.R.T.Y. und ist eine Abkürzung für "Prevent Alkohol and Risk Related Trauma in Youth". Frei übersetzt geht es um die Prävention von durch Alkohol und risikoreiches Verhalten verursachte Verletzungen bei Jugendlichen.

Denn 18- bis 24-Jährige sind im Straßenverkehr besonders gefährdet: 2014 verunglückten 67 241 junge Leute im Alter von 18 bis 24 Jahren auf Deutschlands Straßen, 496 Personen wurden dabei getötet, betont Professor Tim Pohlemann, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum, der das Projekt, das nun nach Homburg kommt, fördert und unterstützt.

35,5 Prozent der getöteten jungen Erwachsenen sterben in der Zeitspanne zwischen 19 Uhr abends und 5 Uhr morgens. (Statistisches Bundesamt 2015: Verkehrsunfälle 2014, Fachserie 8, Reihe 7). Nicht zu vergessen die Risiko-Sportarten, bei denen ebenfalls vorwiegend junge Leute zu Tode kommen.

Am kommenden Montag, 1. Februar, beginnt erstmals am Uniklinikum in Homburg das P.A.R.T.Y-Projekt in der Klinik für Unfall-, Hand-und Wiederherstellungschirurgie.

Einer Schulklasse des Gymnasiums am Rotenbühl aus Saarbrücken wird es ermöglicht, einen Tag in einer Unfallklinik die Stationen eines Schwerverletzten zu erleben. Neben Vorträgen und Gesprächen mit Medizinern, Polizisten und einem ehemaligen Trauma-Patienten erhalten die Jugendlichen Einblicke in die Ausstattung eines Rettungswagens, den Schockraum, die Intensiv- und die Normalstation des UKS.

Nachdem Dr. Philipp Mörsdorf von der Homburger Unfallchirurgie und sein Kollege Dr. Steven Herath bereits erfolgreich in Köln eine entsprechende Schulung zu diesem Projekt durchgeführt haben, wollen sie nun diese Prävention auch im Saarland starten.

Ziel ist es dabei, dieses Präventionsprojekt, das erstmals im Saarland und den angrenzenden Regionen stattfindet, innerhalb des Traumanetzwerks Saar-(Lor)-Lux-Westpfalz bekannt zu machen und langfristig an verschiedenen Standorten im Saarland anzubieten.

uks.eu/unfallchirurgie

Junge Leute werden durch die Räume der Unfallchirurgie geführt und sehen mal vor Ort, wie man um Leben kämpft. Dient das der Abschreckung?

Mörsdorf: Eine gewisse Abschreckung soll es schon sein. Natürlich nicht vor der Medizin, sondern vor der Gedankenlosigkeit, die oft einem schweren Unfall vorausgeht. Wir möchten einen Lerneffekt bei jungen Leuten erzielen, dass sie kurz nachdenken, bevor sie sich in eine gefährliche Situation begeben. Damit ist schon viel erreicht. Sie sollen künftig nicht zulassen, dass sich jemand von einer angetrunkenen Person fahren lässt.

Hat das Projekt schon etwas bewirkt?

Mörsdorf: Auf alle Fälle. Es ist das erfolgreichste Präventionsprogramm auf diesem Gebiet. Das konnte in Kanada, wo es seit zehn Jahren praktiziert wird, einwandfrei nachgewiesen werden.

Es ist dann wohl auch mehr als nur eine Besichtigung der Schockräume, es sind neben Unfallchirurgen ja auch Polizisten und Notfallsanitäter dabei?

Mörsdorf: Ja, das ist ein richtig großes Programm. Es gibt verschiedene Stationen, und am Schluss ist auch ein Treffen mit einem Patienten geplant, der einen schweren Unfall überlebt hat. Ich habe zusammen mit meinem Kollegen Dr. Steven Herath eine Schulung in diesem Projekt in einer Unfallklinik in Köln absolviert. Anfangs fanden die Schüler das alles noch lustig und taten sehr cool. Aber das wich sehr schnell einer großen Nachdenklichkeit. Da wurde bei den Jugendlichen spürbar etwas erreicht und auch verändert.

Die erste Schulklasse kommt nun aus Saarbrücken. Aber bei Ihnen kann sich jede Schule melden?

Mörsdorf: Natürlich. Das hier war Zufall und lief über Kontakte, die wir mit der Schule am Rotenbühl schon hatten. Aber nächstes Mal sollen selbstverständlich auch die Homburger Schulen drankommen. Die Schulleiter sollen sich bei uns melden. Ich denke, das ist für eine Projektwoche ein sehr sinnvolles Thema.