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Ärger an der Medizinerfront
Warnstreik der Ärzte am Uniklinikum

 Gestern Mittag ab 12 Uhr versammelten sich vorwiegend junge Ärzte und Ärztinnen auf der Wiese vor der I-Med am Uniklinikum in Homburg, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Der Ärger über zu viele unbezahlte Überstunden und eine ständig steigende Arbeitsbelastung ist groß.
Gestern Mittag ab 12 Uhr versammelten sich vorwiegend junge Ärzte und Ärztinnen auf der Wiese vor der I-Med am Uniklinikum in Homburg, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Der Ärger über zu viele unbezahlte Überstunden und eine ständig steigende Arbeitsbelastung ist groß. FOTO: Christine Maack
Homburg. Viele junge Ärztinnen und Ärzte fühlen sich ausgebeutet: Hohe Arbeitsbelastung, geringe Bezahlung und kaum ein freies Wochenende. Von Christine Maack

Ärzte sind nun nicht gerade diejenigen, die häufig auf die Straße gehen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Denn sie haben weder eine traditionelle Arbeitervergangenheit wie die Metaller noch gehören sie zu den Geringverdienern der Nation.

„Aber auch für uns gelten Arbeitszeitgesetze, und darum geht es“, ärgert sich Stefan Helwig, der als Arzt in der Neurologie arbeitet. Überstunden und Nachtarbeit würden nicht entsprechend vergütet, „wer nachts arbeitet, wird pro Stunde mit fünf Euro abgespeist. Das sind aber Überstunden und werden nicht als solche bezahlt“, fügt ein Kollege aus der Inneren Medizin hinzu.

Es sind etwa 100 vorwiegend junge Ärztinnen und Ärzte, die gestern Mittag frierend im Schneeregen auf der nassen Wiese vor der Inneren Medizin die orangefarbenen Fahnen und Schirme ihrer Interessenvertretung „Marburger Bund“ hochhielten. Kein Wunder, denn sie sind diejenigen, bei denen zwei unschöne Faktoren zusammenkommen: viel Arbeit und wenig Geld. Das Ärzte-Gehalt sei zumindest in den ersten acht Jahren längst nicht so hoch, wie dies landläufig vermutet würde: „Es gibt viele Absolventen, die sich ein Klinikum nicht mehr antun wollen“, betont Helwig, „die verdienen in der Pharma-Industrie oder in der Beratung deutlich mehr. Und da werden sie gerne genommen, haben bessere Arbeitszeiten und gehen der Medizin verloren.“



Ohnehin sei es schwer, gerade für ein Uniklinikum wie Homburg genügend junge Ärzte zu bekommen, sagt ein Oberarzt aus der Neurologie, der ebenfalls zur Kundgebung gekommen ist. Denn außer denjenigen, die aus dem Saarland stammten, müsse das Land schon etwas tun, „damit diejenigen, die von auswärts kommen, auch hier bleiben und nicht in die attraktiveren Metropolen abwandern“.

Er habe sich dem Warnstreik angeschlossen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen: „Das hilft allen, auch den Patienten.“ Er sei im Vergleich zu den meisten Streikenden schon einige Jahre länger dabei: „Wenn ich zurückblicke, hatte ich als Assistenzarzt nicht so viel Dokumentationsverpflichtungen am Hals. Diese Zeit fehlt dann am Patienten.“ Von Jahr zu Jahr werde die Betreuungsquote schlimmer: „Auf einen Arzt kommen einfach zu viele Patienten.“

Amr Hamza ist längst Facharzt in der Gynäkologie. Trotzdem war es ihm wichtig, vor der Gruppe der jungen Ärzte und Ärztinnen zu sprechen: „Wir alle wussten vom ersten Tag an, dass der Arztberuf bedeutet, dass wir nachts und an den Wochenenden arbeiten müssen. Das ist auch okay. Aber was derzeit passiert, ist Ausbeutung.“ Zwischen 50 und 60 Wochenstunden liege das Pensum eines Nachwuchsmediziners, „an Unikliniken oft bei 60 und mehr Stunden. Das geht auf unsere Knochen. Wenn das so weitergeht, verlieren wir die besten Fachkräfte. Also das, was ein Uniklinikum ausmacht.“ Überhaupt wird bei den Streikenden der Unterschied zwischen einer kommunalen Klinik und einem Uniklinikum oft betont: „Wir haben hier neben der Patientenversorgung noch Forschung und Lehre. Hinzu kommen die komplizierten Fälle, die zu uns verlegt werden“, erklärt eine junge Ärztin aus der Unfallchirurgie, „doch wenn man sich das Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Bezahlung anschaut, steht man in einem kleinen städtischen Krankenhaus deutlich besser da. Aber ganz ehrlich, das kann’s doch nicht sein, oder?“

Ein Uniklinikum müsse doch einen hohen Anspruch an alle Mitarbeiter haben. Mehr Geld und mehr Freizeit seien dazu angetan, diese Wertschätzung auch mal deutlich zu machen, findet die junge Ärztin. 

 Hier zeigt ein Arzt seine Auffassung deutlich auf der Jacke.
Hier zeigt ein Arzt seine Auffassung deutlich auf der Jacke. FOTO: Christine Maack