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Verdi und Uniklinik Homburg schließen Vertrag
Gewerkschafter jubeln über Einigung

Lange hatten die Beschäftigten der Homburger Uniklinik für eine Entlastung gekämpft, unter anderem mit einem Warnstreik im Juni. Nun verspricht der Vorstand der Uniklinik 145 zusätzliche Mitarbeiter.
Lange hatten die Beschäftigten der Homburger Uniklinik für eine Entlastung gekämpft, unter anderem mit einem Warnstreik im Juni. Nun verspricht der Vorstand der Uniklinik 145 zusätzliche Mitarbeiter. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg . In letzter Minute haben Verdi und die Uniklinik einen Streik abgewendet. Die Klinik verspricht 145 zusätzliche Beschäftigte und noch einiges mehr. Von Daniel Kirch

Fast 20 Stunden hatten die Gewerkschafter und die Spitze der Homburger Uniklinik (UKS) miteinander gerungen, als Verdi-Verhandlungsführer Frank Hutmacher und Verwaltungschef Ulrich Kerle am Mittwochmorgen um kurz vor 6 Uhr aufstanden und sich die Hände reichten. Durchbruch! Mit Müdigkeit hatten die Unterhändler angeblich wenig zu kämpfen, der Adrenalinspiegel sei einfach zu hoch gewesen, sagt Verdi-Mann Hutmacher nach der denkwürdigen Nacht im Sitzungssaal des UKS-Vorstandes. „Beide Seiten standen ja unter einem Riesendruck.“

Das kann man so sagen. Ohne Einigung hätte um Punkt 6 Uhr ein gewaltiger Streik begonnen, 440 der rund 1300 Betten hätten dann nicht mehr belegt werden können, was nicht nur Patienten gespürt hätten, sondern auch das UKS als Wirtschaftsunternehmen. In der Verhandlungsrunde ohne längere Pausen, in der es nie richtig laut geworden sein soll, setzte Verdi zwar nicht den geforderten Tarifvertrag durch, aber einen zivilrechtlichen Vertrag, dessen Abmachungen vor Gericht eingeklagt werden können.

Der UKS-Vorstand sei der Gewerkschaft weit entgegengekommen, erklärte Verdi in einer am Morgen eilig zusammengestellten „Streikinformation“. „So weit, wie es niemand erwartet hatte.“ Auch Kerle zeigte sich erleichtert, dass ein unbefristeter Streik abgewendet werden konnte. Es sei ein ganzes System von Maßnahmen vereinbart worden, um die Mitarbeiter, insbesondere in der Pflege, nachhaltig zu entlasten, schrieb er am Nachmittag.



Im Hintergrund hatte auch die Landesregierung auf eine Einigung gedrängt, da sie unglücklich über die Hängepartie am UKS war. „Jeder hat in seinem Verantwortungsbereich das ihm Mögliche getan, damit ein gutes Ergebnis erzielt werden kann“, heißt es dazu lediglich in der Regierungszentrale. Folgendes wurde schriftlich vereinbart:

▶ Das UKS schafft 145 zusätzliche Stellen, davon 130 in der Pflege. Zuvor hatte der Klinikvorstand lediglich 30 zusätzliche Stellen angeboten. Weil nach Verdi-Angaben schon heute knapp 100 Stellen unbesetzt sind, müsste das UKS nach Darstellung der Gewerkschaft also deutlich über 200 Mitarbeiter zusätzlich einstellen – bei rund 2000 Pflegekräften ein Plus von über zehn Prozent. Zusätzliche Mitarbeiter zu finden, sei bei der derzeitigen Situation auf dem Arbeitsmarkt eine „Herausforderung“, räumt die UKS-Spitze ein. Eine Arbeitsgruppe aus UKS, Verdi und Personalrat soll Konzepte erarbeiten, wie das UKS als Arbeitgeber attraktiver werden kann.

▶ Für jede Station und jede Schicht soll eine Regelbesetzung errechnet werden. Bis dahin gelten Soll-Zahlen, auf die sich Verdi und die UKS-Leitung verständigt haben. Wird diese Untergrenze unterschritten, können unter anderem Aufgaben entfallen, Patienten verlegt, Betten nicht besetzt, lange geplante Behandlungen verschoben und OP-Kapazitäten reduziert werden.

▶ Nachts soll keine Pflegekraft mehr allein auf einer Station arbeiten (Ausnahmen gibt es für sehr kleine Stationen). Vorgeschrieben sind künftig mindestens zwei examinierte Fachpflegekräfte.

▶ Ist eine Station unterbesetzt, erhalten die betroffenen Pflegekräfte „Belastungstage“, wenn das UKS das Problem nicht innerhalb von drei Tagen lösen kann (im OP ab dem ersten Tag). Hat eine Pflegekraft acht „Belastungstage“ gesammelt, muss das UKS ihr eine bezahlte Freischicht gewähren. Dieses System soll am 1. April 2019 starten. „Das gab‘s noch nie in Deutschland. Ein wirklich historischer Moment für uns alle“, jubelte Verdi-Sekretär Ben Brusniak.

Wie geht es nun weiter? Die Vereinbarung soll innerhalb von 18 Monaten umgesetzt werden. „Sofortmaßnahmen starten nach Möglichkeit direkt“, so das UKS. Die bei Verdi organisierten Pflegekräfte des UKS müssen der Vereinbarung in einer Urabstimmung aber erst noch zustimmen. Gut 50 Verdi-Delegierte von den Stationen, die in den 20 Stunden ausgeharrt hatten, haben laut Verdi bereits „nahezu einstimmig“ für das Ergebnis votiert.

Verdi will eine Regelbesetzung wie in Homburg nun überall durchsetzen. Sekretär Michael Quetting sagte, der Kampf sei saarlandweit noch nicht gewonnen, aber es gebe nun ein gutes Fundament. Bevor der Kampf weitergeht, heißt es aber erst einmal: Ausschlafen!