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Kirchenglocken
Schwierige Geschichte

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Insgesamt sind im Reformationsgedenkjahr 2017 ein Dutzend Glocken mit gedenkpolitisch fragwürdigen bis völlig inakzeptablen Widmungen und Symbolen aus der NS-Zeit entdeckt worden. In allen Fällen handelt es sich um evangelische Kirchen. Von Jürgen Neumann

Aktuell ist keine katholische Kirche dabei, die ähnlich betroffen wäre. Ein Zufall? Oder haben die Katholiken noch nicht genau nachgeschaut auf ihren Kirchtürmen? Nein, kein Zufall – vielmehr ist hier  eine Bestätigung der These, dass das protestantische Milieu im „Dritten Reich“ vom NS-Zeitgeist viel stärker durchdrungen war als die katholische Kirche.   Das haben wissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen Jahre versucht, zu erklären.  Es gab in der katholischen Kirche keine innerkirchliche, von Theologen geführte Massenbewegung wie die evangelischen Deutschen Christen (DC). Das ist der markanteste Unterschied zu den Protestanten, wo die DC-Bewegung, die ebenso christlich-völkisch wie antisemitisch war. Es wäre aber ungerecht, alle damaligen protestantischen  Würdenträger über einen Kamm  zu scheren. Es gab auch Widerstand, auch in unserer Region – wenn auch nur vereinzelt.  Es überrascht dennoch nicht so sehr, wenn heute noch in Betrieb gebliebene Kirchenglocken als Relikte aus jener Vergangenheit entdeckt werden. Das Beispiel der protestantischen Kirchengemeinde in Beeden zeigt dies deutlich. Mit der Namensänderung zur Friedenskirche vor einigen Jahren hat sie ein Stück aus der NS-Zeit getilgt. Und damit ein Zeichen gesetzt, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Denn: Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und in die Zukunft handeln.