| 20:29 Uhr

Opfer-Familie erzählt von Erlebnissen am UKS
„Laut der Akte waren wir nie dort“

  Foto: istock
Foto: istock FOTO: Getty Images/ iStockphoto / narith_2527
Homburg. Eltern eines mutmaßlichen Opfers im Homburger Missbrauchs-Skandal erzählen von ihren Erlebnissen. Angebliche Fotos seien verschwunden. Von Teresa Prommersberger

Er war sieben Jahre alt, als ein Assistenzarzt Fotos von seinem Intimbereich gemacht haben soll. Julian (Name von der Redaktion geändert) ist mutmaßlich ein Opfer. Eines von vielen, sollte sich der unfassbare Verdacht, der Mitte vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit kam, bestätigen. Assistenzarzt S. soll in der sogenannten Ausscheidungsambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Homburg (UKS) bei dutzenden seiner jungen Patienten medizinisch nicht notwendige Untersuchungen im Genitalbereich vorgenommen haben. Er soll die teils nackten Kinder auch fotografiert haben. Betroffen sind Patienten, die zwischen 2010 und 2014 in der Ausscheidungsambulanz von S. behandelt wurden. Das Strafverfahren gegen ihn wurde nach dessen Tod 2016 eingestellt. Die Eltern der Kinder erfuhren von den mutmaßlichen Taten erst viel später – im Sommer 2019.

So wie Julians Eltern Susanne und Martin (Namen ebenfalls geändert). Die Medienberichte schlugen ein wie eine Bombe. Sie waren schockiert, fassungslos und in einem regelrechten „emotionalen Ausnahmenzustand“. Und sie sind es heute noch. Die Eltern behaupten, dass die Fotos, die angeblich gemacht wurden, verschwunden seien. Zudem sei ihr Junge nach der Patientenakte nie in der Ausscheidungsambulanz behandelt worden. „Entschuldigen Sie, aber ich muss irgendetwas mit meinen Händen tun.“ Susanne ist während des Gesprächs mit unserer Zeitung sehr unruhig. Öfters steht sie vom Tisch auf, nimmt etwas aus dem Regal, legt es wieder zurück. „Aber ich bin sehr froh, dass wir unsere Geschichte erzählen können. Und wir hoffen, dass sie andere dazu ermutigt, an die Öffentlichkeit zu gehen.“

Julian, heute 14, ist Autist und leidet am Asperger-Syndrom. Sein Kinderarzt verwies ihn 2012 in die Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) am UKS. Ein dort behandelnder damaliger Assistenzarzt habe die Familie zur weiteren Abklärung in die Ausscheidungsambulanz verwiesen. Zuvor habe er ihnen allerdings von einer Studie erzählt. Thema: Ausscheidungsstörungen bei Autismus. Er habe sie um Teilnahme gebeten. „Er erklärte uns, dass zu Studienzwecken Fotos und Videos gemacht werden. Wir haben unsere Einwilligung gegeben und ein Formular unterschrieben.“ Diese Einwilligung habe, so sagen die Eltern heute, nur für diese bestimmte Studie und auch nur für die „Autismus Ambulanz“ gegolten.



In der Ausscheidungsambulanz seien Julian und seine Eltern dann zum ersten Mal S. begegnet. Er habe den Jungen auch im Genitalbereich untersucht. „Er hat uns drei Mal aufgefordert, den Raum zu verlassen“, sagt Martin. Sie erinnern sich, dass sich S. merkwürdig verhalten haben soll, weil sie geblieben seien. „Mit den Erfahrungen von heute bewertet man das natürlich ganz anders“, sagt Julians Vater. Kurz schaut er weg, schüttelt den Kopf und atmet tief durch. Zehn bis zwölf Fotos habe der Assistenzarzt von Julians Intimbereich gemacht. Eine ungewöhnlich hohe Anzahl, meinen die Eltern. S. habe sie überzeugt, dass die Einwilligung, die sie dem anderen Mediziner gegeben haben sollen, ihm erlauben würde, die Genitalien von Julian fotografisch zu dokumentieren. „Er begründete dies mit der Aussage, dass er ebenfalls an dieser Studie arbeiten würde.“

Beim zweiten Termin sind nach Angaben der Eltern verschiedene Untersuchungen vorgenommen worden. Diese seien auch dokumentiert worden. Das Abschlussgespräch beim dritten Termin habe nur wenige Minuten gedauert. S. sei kurz angebunden gewesen. Julian habe eine Ausscheidungsstörung. S. habe die Familie wieder zurück in die KJP verwiesen. „Am Ende hat unser Kinderarzt Julian wegen der Symptome behandelt“, erzählt Martin. Einen Abschlussbericht mit ausführlichen Ergebnissen habe die Familie auch nach mehrmaligem Nachfragen vom UKS nie erhalten. Für sie war das Kapitel Ausscheidungsambulanz erstmal vom Tisch – bis zum vergangenen Jahr.

„Als wir von den Vorkommnissen erfuhren, waren wir einfach total fertig“, sagt Martin. „Meine Frau hat nur noch geweint.“ Sie rief beim UKS an. Die Nachfrage ergab, dass Julian im besagten Zeitraum zwar als Patient in der Kinder- und Jugendpsychiatrie geführt wurde, nicht aber in der Ausscheidungsambulanz. Susanne und Martin baten um Einsicht in die Patientenakte. Die darf nämlich nur nach Einwilligung der Eltern beziehungsweise des Patienten geöffnet werden, sagt die Familie. Sie trafen sich mit dem Ärztlichen Direktor des UKS, Professor Wolfgang Reith. „Schon als ich die Akte gesehen habe, dachte ich mir, dass sie sehr dünn ist“, sagt Martin. „Laut der Akte waren wir nie in der Ausscheidungsambulanz“, ergänzt Susanne – die angeblichen Fotos nicht Teil der Akte. Klarheit, so Susanne und Martin, konnte der Familie auch Professor Reith nicht geben. „Er kann ja nur anhand dessen, was in der Akte steht, informieren.“ Die Eltern wandten sich schließlich an den Sonderermittler der Staatskanzlei. Der Beamte der Kriminalpolizei gab ihnen zumindest in einem Punkt Entwarnung: Offenbar sind keine Fotos von Julian im Internet gelandet.

Weil Julian zu keinem Zeitpunkt allein mit Assistenzarzt S. gewesen ist, haben die Untersuchungen offenbar keine körperlichen und psychischen Folgen hinterlassen, sagen die Eltern. Dennoch machen sich Susanne und Martin manchmal Vorwürfe, bei den Untersuchungen nicht genauer nachgefragt zu haben. Susanne hat Tränen in den Augen. „Ich denke, jeder hätte so gehandelt wie wir. Wer hätte denn ahnen können, was da gelaufen sein soll?“, versucht Martin seine Frau und sich selbst zu beruhigen. „Ich weiß, dass ihr mich immer beschützt habt“, sagte Julian seinen Eltern, als sie mit ihrem Sohn über die Untersuchungen gesprochen haben.

Die Ungewissheit nagt trotzdem an der Familie. Susanne und Martin fordern wie so viele eine lückenlose Aufklärung. Gleichzeitig haben sie große Zweifel, ob die ehemalige Leitung der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Ausscheidungsambulanz immer mit der erforderlichen Aufmerksamkeit im Blick hatte. Ende vergangenen Jahres teilte das UKS mit, dass rückblickend pädophile Neigungen bei dem früheren Assistenzarzt „wahrscheinlich“ seien. Das ergab ein Gutachten, das das UKS nach Öffentlichwerden des Verdachts durch eine Expertin anfertigen ließ, und mit dem sich der Untersuchungsausschuss (U-Ausschuss) des Landtages derzeit befasst.

Doch schon 2011 gab es Hinweise auf die Neigungen S. – vermerkt in einem internen UKS-Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt. Darin steht unter anderem, dass S. sich nicht immer an die Anordnung gehalten habe, wonach er Untersuchungen nur im Beisein eines anderen Arztes oder einer Pflegekraft vornehmen durfte. Ein damals zu Rate gezogener Gutachter kam zu dem Schluss, dass zukünftig mit gravierenden Vorfällen zu rechnen sei. Auch das ist in dem UKS-Schreiben vermerkt. „Und trotzdem wurde nichts unternommen“, behaupten Susanne und Martin.

Sie können auch nicht nachvollziehen, dass die Klinik dem Assistenzarzt zum Ende dessen Beschäftigung am UKS ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt hatte. „Er wurde ja regelrecht weggelobt“, sagen die Eltern. Der U-Ausschuss des Landtages beschäftigt sich, so berichteten Abgeordnete im November vergangenen Jahres, ebenfalls mit dem „herausragenden Zwischenzeugnis“ für den Assistenzarzt. Dieses Zeugnis liegt unserer Redaktion in Kopie vor. Darin steht unter anderem, S. „zeigte sich als stets höchst engagierter und hoch kompetenter Kollege mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten“. Und: „Alle ihm gestellten Aufgaben erfüllte er zur vollsten Zufriedenheit.“

Susanne und Martin fragen sich auch, warum die Eltern der betroffenen Kinder nicht schon früher informiert wurden. Der U-Ausschuss untersucht, wie die zuständigen Stellen mit Verdachtsmomenten und Anhaltspunkten für Missbrauch umgegangen sind. Außerdem soll geklärt werden, warum die Klinikleitung die Erziehungsberechtigten nicht informierte, nachdem sie den Arzt entlassen hatte. Susanne und Martin werfen der UKS-Leitung vor, „nur an ihren eigenen Ruf gedacht“ zu haben. Als fadenscheinig bezeichnen sie die Begründung des UKS, wonach verhindert werden sollte, dass die Kinder als Opfer stigmatisiert werden.

„Die Kinder sind doch schon längst Opfer“, sagen Susanne und Martin. „Wie unser Sohn.“ Das Ehepaar will endlich wissen, „was mit den Fotos von Julian geschehen ist“.