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Skandal
Missbrauch und Vertuschung: Neue Vorwürfe an der Homburger Uniklinik

 Missbrauch Uniklinik Vertuschung Grafik: Robby Lorenz
Missbrauch Uniklinik Vertuschung Grafik: Robby Lorenz FOTO: SZ / Grafik: Robby Lorenz
Homburg. Der Skandal um mutmaßlichen Missbrauch an der Homburger Uniklinik weitet sich aus. Nun wurde auch ein möglicher Fall an der HNO-Klinik bekannt, die Klinikleitung soll ihn vertuscht haben. Heute nimmt ein Untersuchungsausschuss seine Arbeit auf. Von Michael Jungmann

Der Fall liegt bereits mehr als sieben Jahre zurück: Am 27. Juli 2012 wurde ein sechs Jahre altes Mädchen in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten des Universitätsklinikums Saar (UKS) in Homburg operiert. Eigentlich ein Bagatelleingriff. Noch aus dem Operationssaal schlägt ein Arzt Alarm: Als er nach der OP dem Kind ein Schmerzzäpfchen geben wollte, habe er eine „blutende Wunde im Genitalbereich sowie ein klaffender Anus“ festgestellt. So soll es in dem OP-Bericht dokumentiert sein. Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch, vielleicht sogar Vergewaltigung. Die klinikinterne Kinderschutzgruppe wird informiert. Wie es heißt, begutachtet und dokumentiert noch im OP-Bereich ein Rechtsmediziner die Verletzungen. Die Wunden werden fotografiert. Die Mediziner vermuten „äußere Gewalt“. Die Unterwäsche des Mädchens, das von seiner Mutter bis zum OP begleitet wurde, trug keine Blutspuren. Folglich kann das Kind nur in der OP-Zone verletzt worden sein. Wer jetzt geglaubt hätte, dass das Team um Klinikdirektor Professor Dr. Bernhard Schick umgehend Polizei und Staatsanwaltschaft informierte, irrt. Selbst die Mutter der Sechsjährigen wurde nicht sofort eingeweiht. Als die Eltern später davon erfahren und Strafanzeige erstatten wollen, wird ihnen angeblich von der Klinik davon abgeraten – wie es heißt, wegen außergewöhnlicher Belastungen für das Kind.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt erst seit Juli dieses Jahres, bestätigt Michael Görlinger, Leitender Oberstaatsanwalt, auf Anfrage unserer Zeitung. Dies war wohl das Ergebnis einer energischen Intervention der Opferanwältin Claudia Willger, die zwischenzeitlich die Familie vertritt. Sie hatte den Büroleiter von Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) auf den dubiosen Fall hingewiesen.

Über diesen möglichen Missbrauchsfall im OP-Bereich der HNO-Klinik von Schick, berichtete am Dienstag die Frankfurter Rundschau (FR). Da ist auch zu lesen, dass der Klinikleiter Mitarbeiterinnen – sogar im OP – sexuell belästigt haben soll. Nach Angaben von Görlinger gegenüber unserer Zeitung prüft seine Behörde jetzt, ob wegen möglicher sexueller Übergriffe auf Frauen in der HNO-Klinik ein Verfahren eingeleitet wird.



Die FR-Autoren schreiben von einem „Kartell des Schweigens“ in der HNO-Klinik und ziehen eine Verbindung zu den seit Sommer bekannten Vorfällen in der so genannten Ausscheidungsambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS. Dort sollen von 2010 bis 2014 junge Patienten im Alter von fünf bis 15 Jahren von dem pädophil veranlagten Assistenzarzt Matthias S. sexuell missbraucht worden sein. Die Klinikleitung um Professor Dr. Alexander von Gontard hatte offenbar schon früh Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und Merkwürdigkeiten. So ist ein anonymes Schreiben aus dem Jahr 2011 bekannt. Eine Strafanzeige gegen den Arzt, der auch Judonachwuchs trainierte, wurde aber erst Ende 2014 erstattet. Die Staatsanwaltschaft musste 2016 ihre Ermittlungen, die in einigen Fällen fast anklagereif gewesen sein sollen, „von Amts wegen“ einstellen, weil der Arzt im Alter von 36 Jahren verstarb. In der Nacht, in der er starb, hielt sich übrigens ein damals elfjähriger Junge in seiner Wohnung auf.

Der mutmaßliche Miss­brauchsskandal wurde aber weiter unter der Decke gehalten. Auch die Staatsanwaltschaft verzichtete darauf, die Opfer oder deren Angehörige über die Einstellung des Verfahrens zu unterrichten. Darüber wurde ausdrücklich die damalige Justizstaatssekretärin Anke Morsch (SPD) informiert. Sie weihte andere Ministerien nicht ein. Dass die Eltern damals nicht von der Staatsanwaltschaft angeschrieben werden, war wohl auch der Wunsch der UKS-Verantwortlichen, die einen Rufschaden befürchteten. Eltern und Betroffene und auch die Dienstaufsicht beim Wissenschaftsministerium, das in der Staatskanzlei angesiedelt ist, wurden erst im Sommer informiert. Die Aufsichtsbehörde bestand darauf, dass die Familien über die möglichen Vorfälle aufgeklärt werden und professionelle Hilfe angeboten wird.

Der verstorbene Assistenzarzt S. hatte, dafür spricht einiges, am Uniklinikum Förderer und Unterstützer. Obwohl 2011 bereits eine anonyme Anzeige aus der Belegschaft eingegangen war, stellte sein Chef ihm Ende 2013 ein herausragendes Zeugnis aus. Dieses Schriftstück liegt unserer Redaktion in Kopie vor. Da ist zu lesen: „Besondere Kompetenzen erwarb Herr S. in der Spezialambulanz für Ausscheidungsstörungen…“. Oder: „Herr S. verhielt sich stets hilfsbereit und immer freundlich gegenüber Patienten, Vorgesetzten und Mitarbeitern.“ Die gründliche und verlässliche Arbeit wird in höchsten Tönen gepriesen. „Sein persönliches Verhalten war stets einwandfrei. Er führte alle ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit aus.“

Dieses exzellente Zeugnis wird mit Sicherheit auch den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu dem mutmaßlichen Missbrauchsskandal am UKS beschäftigten. Thema im U-Ausschuss, der an diesem Mittwoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt, wird möglicherweise auch eine Ausweitung seines Tätigkeitsbereiches. SPD-Obmann Jürgen Renner denkt bereits laut darüber nach, den mutmaßlichen Missbrauchsfall in der HNO-Klinik und dessen Vertuschung einzubeziehen. Die Staatskanzlei und das Wissenschaftsministerium haben davon erst im Sommer von Opferanwältin Willger erfahren.

Im UKS-Aufsichtsrat war bislang davon noch nie die Rede. Willger soll kommende Woche im U-Ausschuss als Zeugin gehört werden. In der Sitzung heute, sollen die Betroffenen zu Wort kommen. Dies sind Gontard, der kaufmännische UKS-Vorstand Ulrich Kerle, eine Oberärztin und die UKS-Justiziarin.