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Jazzfrühschoppen
Mehr als nur klassischer Sinti-Jazz

Statt seines Vater Romeo spielte am vergangenen Samstag dessen Sohn Sunny virtuos beim Auftritt des „Romeo Franz Ensembles featuring Joe Bawelino“ die erste Geige.
Statt seines Vater Romeo spielte am vergangenen Samstag dessen Sohn Sunny virtuos beim Auftritt des „Romeo Franz Ensembles featuring Joe Bawelino“ die erste Geige. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Beim Frühschoppen auf dem Marktplatz gab es in Sachen Repertoire weitaus mehr als ein Jazz-Genre zu hören. Von Thorsten Wolf

Eigentlich sollte am Samstag das „Romeo Franz Ensemble featuring Joe Bawelino“ beim Jazzfrühschoppen auf dem historischen Homburger Marktplatz auftreten. Aber das stimmte im Detail genauso wenig wie die Einschätzung so manches Gastes im Vorfeld, dass es nun von 11 bis 14 Uhr durchgängig Sinti-Jazz zu hören gebe. Denn: Statt Romeo Franz – der war terminlich verhindert – übernahm dessen Sohn Sunny an der Geige virtuos die Führung der fünfköpfigen Band. Und in Sachen Repertoire gab‘s weitaus mehr als ein Jazz-Genre zu hören. Um es gleich vorneweg zu schreiben: Eben Sunny Franz an der Geige, Aaron Weiss am Piano, Johannes Schaedlich am Kontrabass, David Reinhardt an der Rhythmusgitarre und besagter Joe Bawelino an der Leadgitarre lieferten einen Jazzfrühschoppen, der es in sich hatte. Über nahezu alle Facetten des Jazz hinweg reichte das Repertoire, von Gershwin bis Stevie Wonder. Mit dabei natürlich auch klassischer Sinti-Jazz. Bevor es zum eigentlichen Auftritt der Ausnahme-Musiker kam, nahmen sich Franz, Weiß, Schaedlich, Bawelino und Reinhardt eine bisschen Zeit, um mit unserer Zeitung über ihren Stil des Jazz zu sprechen.

Und am Anfang musste da natürlich die Frage stehen, was eben diesen Stil ausmacht. Aaron Weiss: „Wir sind natürlich im Jazz-Bereich positioniert. Aber unser Jazz gründet auf Säulen von Django Reinhardt und Franz ‚Schnuckenack‘ Reinhardt. Damit decken wir den Sinti-Jazz ab, zu dem auch ungarische Folklore gehört.“ Dabei bediene man sich der klasssichen Besetzung mit zwei Gitarren, einem Bass und der Geige. „Was eher untypisch bei uns ist, das ist das Klavier.“ Diese zusätzliche Stimmfarbe ordne sich dabei eindeutig der Geige unter. Trotzdem, so Weiss, spiele man zusammen und nicht gegeneinander. Sunny Franz beschrieb diese Rolle innerhalb des Ensembles dann auch folgerichtig vor allem mit dem Begriff „Verantwortung“.

„90 Prozent macht aber die Improvisation innerhalb eines Stückes aus.“ Natürlich, so Bassist Johannes Schaedlich, kenne man die Struktur der einzelnen Werke „und auch die Solisten-Reihenfolge. Der größte Teil ist aber, wie Aaron es schon gesagt hat, ‚Interplay‘.“ So höre und achte man darauf, wie Aaron Weiss ergänzte, auf das, was die anderen Musiker täten, „wo geht es lang, welche Linien werden gezogen, kann ich da mitgehen, welche rhythmischen Details gibt es. Das ist etwas, was sich zwischendurch ergibt.“



Dass man so permanent präsent sein müsse auf der Bühne, das sei eben der Job, so Weiss lakonisch. Dass war natürlich deutlich untertrieben, die Musiker lieferten bei ihrer Premiere auf dem historischen Marktplatz weitaus mehr ab als nur einen „Job“.

Vom ersten Ton an bewies das Ensemble, welche Bandbreite es zu bieten hatte. Nach einem wunderbaren „Vorspiel“ von Sunny Franz an der Geige und Aaron Weiss am Piano gab‘s, zur Überraschung vieler, den Klassiker „Bei mir biste scheen“ zu hören – ein Swingstück, 1938 bekannt geworden durch die Andrew Sisters. Das Werk, im Original mit „Bei Mir Bistu Shein“ betitelt, enstammt dem jiddischen Musical „Men ken lebn nor men lost nisht“ („Man könnte leben, aber sie lassen uns nicht“) von Sholom Secunda und Jacob Jacobs aus dem Jahr 1932. Und schon bei diesem Entré wurde klar, wie virtuos Franz, Weiss, Schaedlich, Bawelino und Reinhardt mit solchen Klassikern umgingen – dynamisch, einen eigenen Charakter gebend, brillant solierend und mitreißend. Das Publikum honorierte dies schon da immer wieder mit „Szenen-Applaus“. So ging es auch weiter. Der nächste Höhepunkt: Cole Porters „Night and Day“. Und auch hier zeigten die fünf Musiker, welche Kraft in der Kombination aus Sinti-Jazz, klassischen Stücken und dem Piano als weitere Klangfarbe liegt.

Dass es dabei immer wieder auch Soli waren, die das gewohnt Gehörte in unentdeckte Klanglanschaften verwandelten, auch das gehörte zum Jazzfrühschoppen am vergangenen Samstag. Doch bei allem Spiel mit den unterschiedlichen Spielarten des Jazz: Natürlich gab es auch ganz klassische Sinti-Jazz-Stücke.