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Abschluss der Kammermusiktage
Der Reiz der musikalischen Gegensätze

Am Tag der Deutschen Einheit gab es zum Abschluss der Kammermusiktage auch einen gemeinsamen Auftritt des das Vogler-Quartetts mit Benjamin Rivinius und Gustav Rivinius im Homburger Saalbau.
Am Tag der Deutschen Einheit gab es zum Abschluss der Kammermusiktage auch einen gemeinsamen Auftritt des das Vogler-Quartetts mit Benjamin Rivinius und Gustav Rivinius im Homburger Saalbau. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg/Zweibrücken. Die Kammermusiktage in Homburg endeten mit einem Konzert des Vogler-Quartetts und der Rivinius-Brüder. Von Paul Krick

Mit einer Konzertmatinee voller reizvoller musikalischer Gegensätze gingen am Mittwoch die 23. Internationalen Kammermusiktage Homburg zu Ende. Bis es so weit war, zog am Sonntagabend eine große Zuhörergemeinde ins festliche Ambiente des Landschlosses Fasanerie in Zweibrücken, um den Gitarren-Inspirationen von Christopher Brandt in unterschiedlichen Besetzungen zu lauschen. Das 1833 in London entstandene Terzett für Violine, Violoncello und Gitarre von Niccolò Paganini (1782-1840) mit seinen augenzwinkernden Fremdgängen in die italienische Oper war sicher eine Entdeckung wert. Jonian Ilias Kadesha (Violine), Vashti Mimosa Hunter (Cello) und Christopher Brandt (Gitarre) mussten sich in der wattigen Akustik erst einmal zurecht finden, bevor die ariosen Koloraturen im Kopfsatz, die kecke Kavatine im Minuetto, die schmachtenden Duett-Sexten im langsamen Satz und das finale Opern-Ensemble ihren launigen Reiz entfalteten. Die zwischen 1955 und 1960 für Peter Pears entstandenen „Englischen Volkslieder“ von Benjamin Britten (1913-1976) sind original mit einer fantasievollen Gitarrenbegleitung unterlegt, während die Klavierstimme in den „Sieben spanischen Volksliedern“ von Manuel de Falla (1876-1946) sehr subtil von Christopher Brandt zum Gesang der Sopranistin Christiane Oelze auf der Gitarre ausgeführt wurde. Die gewaltigen Anstrengungen der letzten Tage waren ihrer Stimme anzuhören. In der feudalen Umgebung der Fasanerie wollten der Gitarrist und das Vogler-Quartett auch das Programmfinale eher volkstümlich gestalten mit dem 1950 entstandenen Quintett op. 143 von Mario Castelnuovo-Tedesco (1895-1968). Der Komponist war von der Tradition seiner italienischen Heimat ebenso geprägt wie von der spanischen, weswegen er im Finalsatz eine feurige italienische Tarantella und eine spanische Habanera in den Wettstreit treten lässt. „Rosalia“ und „Carmen“ ereiferten sich sozusagen im Kontertanz, und es war einfach herrlich, ihnen zuzuschauen und zuzuhören.

Am Dienstagabend trafen sich in der schmucken Jugendstilkirche der Homburger Universitätsklinik Kammermusik und Neurologie weniger zum Wettstreit als zum gegenseitigen Verstehen. Professor Eckart Altenmüller leitet seit einem Vierteljahrhundert das Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover, ist daneben als Meisterschüler so berühmter Flötisten wie Christian Larde in Paris oder Aurele Nicolet in Freiburg selbst ein gefragter Konzertflötist. Von ihm war wohltuend verständlich vieles zu erfahren über Tonerzeugung, Tonwahrnehmung und Tonbewusstsein, über Musik als soziale Kommunikation und als Mittel zur Therapie, worauf Kollege Professor Gernot Feifel vom Uniklinikum in Homburg in der Programmschrift kenntnisreich bereits hingewiesen hatte.

Wie brillant Eckart Altenmüller Neurowissenschaft und Flötenmusik zum Klingen bringen kann, hörte man zu Beginn aus dem 1935 entstandenen “Entr‘acte“ für Flöte und Gitarre von Jaques Ibert (1890-1962). Sie war eine sprühend, von Christopher Brandts Gitarre aufgemischte Flamenco-Szene für die 1637 entstandene Tragödie „El médico de su honra“ (Der Arzt seiner Ehre) des spanischen Nationaldichters Pedro Calderon (1600-1681). Aber auch im Rokoko von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) fühlte sich der Flötist zu Hause. Für das silbrige Laufwerk im Allegro des Mannheimer Flötenquartetts D-Dur KV 285, aber auch für dessen betörendes Liebesständchen im langsamen Satz für Mozarts Schwarm Aloisia Weber als Zugabe. Später sollte er dann doch deren Schwester Konstanze heiraten – wurde der Solist sowie die drei Streicher des Vogler-Quartetts stürmisch gefeiert. Das Quartett gestaltete zusammen mit Christopher Brandt den Konzertausklang in der Klinikkirche mit dem „Allegretto“ aus dem selten zu hörenden Quintett G-Dur von Luigi Boccherini (1743-1805).



Gerne nahm man das große Kompliment von Professor Altenmüller mit nach Hause, er kenne kaum eine Stadt in vergleichbarer Größe, die durch ihre Konzertreihen die soziale Kommunikation so vorbildlich fördere wie Homburg. Das traf sicher auch für die schon erwähnte Abschieds-Matinee am Feiertag zu, als das Vogler-Quartett sich mit einigen Gastmusikern, mit Sybille Kößler und vielen fleißigen Helfern aus ihrem Verein der Kammermusikfreunde sowie einer erfreulich großen Zuhörerschar zu einem rauschenden finalen Musikfest vereinten. Die gehobene festliche Stimmung wurde gefördert durch das letzte Streichquartett aus op. 74/3 g-Moll von Joseph Haydn (1732-1809), vom brummigen Humor Ludwig van Beethovens (1770-1827), in dessen „Duett für Viola, Violoncello und zwei obligaten Augengläsern“ mit den saarländischen Künstlern Benjamin und Gustav Rivinius (Bratsche und Cello) und mit dem Besuch in einem Seemanns-Bordell in São Paulo um 1900 und in einem feinen Café um 1930 als erste Stationen der „Histoire du Tango“ von Astor Piazolla (1921-1992) aus dem Jahre 1985. Beim musikantischen Spiel der Rivinius-Brüder bedauerten alle, dass die beiden noch vorgesehenen Sätze des Augengläser-Spotts über umständliches Putzen und auf der Nase zurechtrücken von Brillen mitspielender Musiker nur skizziert, aber nicht mehr ausgeführt wurden. Auch mit Tim Vogler (Violine) und Christopher Brandt (Gitarre) hätte man gerne noch die „Histoire“ bis zum „Tango nuevo“ und im „Aujourd-hui“ weiter verfolgt, so toll haben sie das gespielt.

Das Finale bot mit dem Vogler-Quartett und den Rivinius-Brüdern wieder alle Klangpracht auf, um den Homburger Saalbau im Zweiten Streichsextett G-Dur op. 36 von Johannes Brahms (1833-1897) zum Vibrieren zu bringen. Die stehenden Ovationen galten der mustergültigen, mitreißenden Wiedergabe ebenso wie den schon abgereisten Künstlern der letzten Tage: Der viel beschäftigten Sopranistin Christiane Oelze, dem brillanten texikanischen Pianisten Jonathan Ware, den Publikumslieblingen Jonian Ilias Kadesha (Violine) und Vashti Hunter (Cello), nicht zuletzt dem Freiburger Jazz-Trio um den Pianisten Helmut Lörscher; kurz: einer wunderschönen Kammermusik-Woche.