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Musik auf dem Marktplatz
In Homburg lebten die „Goldenen 20er“ auf

Sonja Firker und Bandleader Andreas Holzmann lieferten mit ihrem „Casanova Society Orchestra“ den Sound der „Goldenen 20er“ freihaus aus Berlin nach Homburg.
Sonja Firker und Bandleader Andreas Holzmann lieferten mit ihrem „Casanova Society Orchestra“ den Sound der „Goldenen 20er“ freihaus aus Berlin nach Homburg. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Beim Homburger Jazzfrühschoppen begeisterte am Samstag das Casanova Society Orchestra aus Berlin die Musikfreunde. Von Thorsten Wolf

Eine Zeit im Wandel, geprägt von wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit, das Aufkommen politischer Extreme – so ähnlich könnte man die Welt in diesen Tagen beschreiben. Doch diese Zeit hat nicht den Rang der Exklusivität, schon vor 100 Jahren hätte man Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Teilen mit durchaus vergleichbaren Unsicherheiten schildern können.

Erst Mitte der 1920er Jahre wandelte sich das Bild – zumindest wird es so in den Geschichtsbüchern beschrieben. Es begannen die so genannten „Goldenen 20er“ mit wirtschaftlichem Aufschwung, einer Stabilisierung der Demokratie in Deutschland, einem Hoch für Kunst, Kultur und Wissenschaft. Ein bisschen zu euphemistisch? Vielleicht, zeichnete sich doch schon da eine gefährliche Spaltung der Gesellschaft ab, so mancher spricht heute von der Blütezeit der 1920er Jahre auch deswegen vom „Tanz auf dem Vulkan“. Und der Tanz endete 1929 mit der Weltwirtschaftskrise.

Zuvor jedoch erlebte Deutschland, gerade was die Musik anging, einen enormen Wandel. Es wurde frivol in den Texten, es wurde leicht, es wurde beschwingt, Formationen wie die Comedian Harmonists hatten ihre Blütezeit. Und es wurde getanzt. Vorbei die Zeiten der Sittenpolizei, und was noch vor dem Ersten Weltkrieg im kaiserlichen Deutschland geächtet und verboten worden wäre, beherrschte in der demokratischen Weimarer Republik nun die Kultur-Szene, vor allem in Berlin.



Und genau aus Berlin hatte sich am Samstag mit dem Casanova Society Orchestra eine Formation beim Homburger Jazzfrühschoppen angesagt, die vor allem, aber nicht nur, die Musik der „Goldenen 20er“ im musikalischen Gepäck hatte. In den Koffern: Klassiker aus Deutschland und den USA aus diese Epoche – aber auch Werke aus den 1910er Jahren. Und genau damit stieg das Orchester um Bandleader Andreas Holzmann auch ein, mit einer Hommage an den Swan River in Florida – dem ersten großen Populär-Erfolg des Komponisten George Gershwin: „Swanee“, veröffentlicht im Jahr 1919. Und schon in diesem Werk konnte man erkennen, wie schwungvoll sich nur wenig später die Musik der 1920er Jahre entwickeln sollte. Leichtfüßig, schwungvoll und vom Casanova Society Orchestra mit Andreas Holzmann und der in jeder Hinsicht beedruckenden Sonja Firker an den Geigen mit einem prächtigen Klanggewand präsentiert.

Präsentation war dann auch ein gutes Stichwort für die Bühnen-Präsenz des 1920er-Orchesters aus Berlin. Denn natürlich servierte die Formation auch in Sachen Dresscode einen Rückblick in diese Zeit, Andreas Holzmann selbst zeigte sich geschminkt im Stile eines Conférenciers. Von Gershwin ging‘s dann musikalisch über den „großen Teich“, aus ihrer Revue zu Ehren des Komponisten Franz Grothe erklang der gute Rat „So ein Kuss kommt von allein“, einer der Klassiker, mit denen die Comedian Harmonists die Welt begeisterten.

Bei ihrem nunmehr zweiten Aufritt beim Homburger Jazzfrühschoppen entwickelten die liebes-fixierten Gesellschafts-Musikerinnen und -Musiker aus der Bundeshauptstadt genau den Charme, den man bei der Genre-Vorgabe erwarten konnte. Wer wollte, der konnte einfach der Musik und den launigen Texten folgen – wer trotz Hoch-Sommer-Temperaturen dazu aufgelegt war, der konnte sich zudem bewundernd seine Gedanken darüber machen, wie elegant die Texte der „Goldenen 20er“ Lustvolles in wunderschöne Texte verpackt hatten.

Was wären nun die Jahre vor 1929 ohne die großen, epochalen Ereignisse, zum Beispiel ohne den ersten Non-Stop-Flug über den Atlantik. Den schaffte 1927 Charles Lindbergh. Und, so besagt es die Legende: Dieser Sprung über den Atlantik soll der Namens-Pate für einen Modetanz der goldenen 20er gewesen sein, den „Lindy Hop“. Gesungen von Sonja Firker wurde es folgerichtig im positiven Sinne richtig sprunghaft auf der Bühne am historischen Marktplatz.

Und das gefiel den Gästen des Vormittags hörbar, immer wieder erklang spontaner Applaus und auch deutlich artikulierter Jubel. Und den hatte sich das „Casanova Society Orchestra“ mit seinem luftigen Sommer-Sound auch redlich verdient.