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Diskussion um geplante Masern-Impfpflicht
„Die moralische Pflicht zur Masernimpfung“

 Der Homburger Professor für Humangenetik Wolfram Henn ist Mitglied des Deutschen Ethikrats.  Foto: Ethikrat
Der Homburger Professor für Humangenetik Wolfram Henn ist Mitglied des Deutschen Ethikrats. Foto: Ethikrat FOTO: Deutscher Ethikrat / Ethikrat
Wie der Deutsche Ethikrat die Impfquote für Masern und andere Krankheiten erhöhen will – ohne staatlichen Zwang. Von Ute Kirch

Ist eine Impfpflicht gegen Masern ein notwendiges Mittel, um die potentiell lebensbedrohliche Krankheit einzudämmen? Ab März 2020 müssen nach Plänen der Bundesregierung Eltern vor der Aufnahme ihrer Kinder in eine Kita oder Schule nachweisen, dass diese geimpft sind. Die Impfpflicht gilt auch für Tagesmütter und für das Personal in Kitas, Schulen, in der Medizin und in Gemeinschaftseinrichtungen. Der Deutsche Ethikrat hält eine Impfpflicht in dieser Form nicht für gerechtfertigt. Dadurch könnte die Bereitschaft für andere Impfungen sinken, erklärt der Sprecher der zuständigen Arbeitsgruppe, der Homburger Professor für Humangenetik, Wolfram Henn, im PM-Interview.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass die Impfmüdigkeit eine der zehn großen globalen Gesundheitsgefahren ist. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

HENN Doch, das ist so. Denn gegen Impfmüdigkeit kann man etwas tun, das fließt neben den Zahlen mit in die Bewertung der WHO ein.



Im Jahr 2018 wurden dem Robert-Koch-Institut 543 Masernfälle in Deutschland gemeldet, 2017 waren es noch 929, in den ersten Monaten dieses Jahres allerdings schon mehr als 400 Fälle. Beunruhigen Sie diese Zahlen?

HENN Panik vor einer großen Masernwelle in Deutschland zu schüren, wäre sicher falsch. Ich sehe es umgekehrt: Es werden Chancen nicht genutzt, die Masern zu eliminieren. Das wäre grundsätzlich möglich, weil wir einen funktionsfähigen, nebenwirkungsarmen Impfstoff haben. Masern sind eine in ihrer Gefährlichkeit weit unterschätzte Krankheit. Ich habe persönlich während meines Medizinstudiums ein Kind an einer Masern-Hirnschädigung sterben sehen. Das hat mich für mein Leben geprägt.

Schon heute müssen Eltern, die ihr Kind in einer Kita anmelden wollen, nachweisen, dass sie an einer Impfberatung teilgenommen haben. Reicht diese Vorschrift nicht aus?

HENN Nein, denn ob das Kind tatsächlich geimpft ist, geht daraus nicht hervor. Der Ethikrat fordert ein intensiviertes Vorgehen. Erstens: Impfbuch statt Beratungsnachweis. Der tatsächliche Impfstatus muss offengelegt werden. Zweitens: Jährliche Überprüfungen des Impfstatus – also nicht nur der Masern – während der Kita-Zeit. Drittens: Impfaktionen. Ärzte müssen in die Einrichtungen gehen und vor Ort Impfungen anbieten. Alle Erfahrungen sagen, dass die harten Impfgegner eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu denen sind, die aus „weichen Gründen“ wie Nachlässigkeit, oder aus Terminproblemen nicht zu der Impfung gekommen sind. Ihnen kann man mit Angeboten vor Ort sehr viel besser helfen als mit einem Impfzwang. Für ganz Renitente müssen aber Ausschlüsse möglich sein.

Jetzt setzen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die Bundesregierung aber auf eine Impfpflicht ab März 2020. Darin werden sie von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt.

HENN Unser Ziel ist das Gleiche: Es geht darum, möglichst viele Erst- und Zweitimpfungen für die Masern hinzubekommen. Daher sind wir dankbar, dass durch Herrn Spahn die Diskussion Fahrt aufgenommen hat. Allerdings spricht sich der Ethikrat für ein differenzierteres Vorgehen aus. Bei unserer Anhörung im Februar haben alle Wissenschaftler unisono erklärt: Deutschland braucht mehr Impfungen, aber eine pauschale Masernimpfpflicht ohne Begleitmaßnahmen ist der falsche Weg, das wäre sogar eher kontraproduktiv. In Ländern mit Impfpflicht für bestimmte Krankheiten, so zeigen die Studien, kann die fatale Einstellung in der Bevölkerung entstehen, dass andere, freiwillige Impfungen nicht so wichtig wären. Also: Mit einer isolierten Masernimpfpflicht würden wir uns vielleicht ein bisschen mehr Masernschutz einhandeln, aber das teuer mit massiven Durchimpfungsverlusten bei anderen wichtigen Erkrankungen wie etwa Röteln erkaufen, denn dann müssten Masern-Einzelimpfstoffe wieder eingeführt werden. Leider.

Was empfehlen Sie stattdessen?

HENN Wir gehen von einer moralischen Impfpflicht aus. Wenn jemand von einer moralischen Pflicht abweicht, muss er sich rechtfertigen. Wenn wir Impfaktionen in Kitas haben, wird der Gruppendruck ziemlich groß sein, da mitzumachen. Das ist schmerzärmer als eine staatliche Impfpflicht. Denn dort wäre die Folge, wenn Eltern sich weigern, wäre eine polizeiliche Vorführung eines Kindes zur Zwangsimpfung. Das will doch keiner! Aber der Rechtsstaat darf nicht zahnlos sein. Zwar sollen Bußgelder bis zu 2500 Euro verhängt werden können, aber unter den harten Impfverweigerern sind viele gut betuchte Leute. Da ist fraglich, ob die das wirklich treffen wird. Das Kind von der Schule befreien geht aufgrund der allgemeinen Schulpflicht auch nicht. Kinder aus den Kitas auszuschließen, ist auch nicht dem Erziehungsauftrag zuträglich.

Das Problem lässt sich ohnehin nicht auf kranke oder nicht-geimpfte Kinder reduzieren...

HENN Genau. Die Hälfte aller Masernfälle in Deutschland sind Erwachsene. Tendenz steigend. Die Durchimpfungsraten bei Erwachsenen sind viel geringer als bei Kindern, hier liegt das eigentliche Problem. Wir befürworten daher eine Impfpflicht für alle, die im Rahmen ihrer Berufswahl Verantwortung für andere, potentiell Infizierbare übernommen haben. Das ist das Gesundheitswesen, Ärzte, aber auch Pflegepersonal und das Bildungswesen, also auch Erzieher und Lehrer, sofern keine individuellen gesundheitlichen Gründe dagegen sprechen.

Welche weiteren Maßnahmen fordert der Ethikrat?

HENN Wir schlagen niedrigschwellige Angebote vor, wie etwa anmeldefreie Impfsprechstunden am Tagesrand für Berufstätige, Kinderärzte sollten Eltern mitimpfen dürfen, da gibt es aber administrative Hindernisse. Saarländische Ärzte wollten einmal samstagmorgens vor einem Baumarkt gegen Tetanus impfen. Gute Idee - das ging aber aus antiquierten berufsrechtlichen Vorschriften nicht. Da muss auch mal entrümpelt werden. Ähnlich wie beim Zahnarzt könnten Arztpraxen an anstehende Impfungen automatisch erinnern. Dieses System ist in den Praxisprogrammen schon angelegt, aber noch nicht aktiviert. Dieser Aufwand müsste den Ärzten dann natürlich honoriert werden.

In sozialen Netzwerken bezweifeln auch manche Ärzte den Nutzen von Impfungen.

HENN Ein Atheist sollte nicht als Pfarrer arbeiten, jemand, der gegen Impfungen ist, muss wirklich seinen ärztlichen Ruf hinterfragen lassen. Das geht gar nicht! Dagegen müssen wir vorgehen. Auch wenn es nur eine kleine Anzahl von Ärzten ist, wirken sie als Multiplikatoren unter Impfkritikern. Grundsätzlich finde ich es nichts Schlechtes, skeptisch zu sein. Aber die Einwände gegen Impfungen sind längst widerlegt. Impfungen erzeugen keinen Autismus und führen auch nicht zu mehr Allergien. In Deutschland atmen wir täglich über die Luft mehr Aluminium ein, als in einer Impfdosis drin ist. Ab einem gewissen Grad von Verbohrtheit kommt man mit Argumenten nicht weiter. Doch die Zahl der kritischen, aber grundsätzlich überzeugbaren Leute ist um ein Vielfaches größer und die können wir im Guten gewinnen.

Der Deutsche Ethikrat hat die Aufgabe, sich mit ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie den voraussichtlichen Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft zu befassen und dazu Parlament und Regierung beraten. Die 26 Mitglieder des unabhängigen Sachverständigenrats werden hälftig von Bundesregierung und Bundestag vorgeschlagen und vom Bundestagspräsidenten berufen.