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Bildung
„Es müsste echte Alternativen geben“

Wolfram Peters
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Homburg. Wolfram Peters von der Vereinigung der Oberstudiendirektoren der saarländischen Gymnasien plädiert für eine andere Schulstruktur. Von Ute Kirch

Wie muss Schule aussehen, damit sie Kinder gut auf das Leben vorbereitet? In die Diskussion um die Schulstruktur im Saarland hat sich der Vorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren der saarländischen Gymnasien (VOS), Wolfram Peters, eingeschaltet. Die Vereinigung hat keine feste Positionierung, ob sie das achtjährige Gymnasium (G8) beibehalten oder zu G9 zurückkehren will. „Es gibt Kollegen, die sagen, G8 ist die Schulform für das Gymnasium, andere wiederum finden, dass es mit G9 besser war“, sagt Peters, der Schulleiter des Homburger Christian-von-Mannlich-Gymnasiums ist.

Ihn stört die Diskussion zum Thema „Eine Schule für alle“. „Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist“, sagt der Lehrer. Selbstverständlich müssten für alle Schüler unabhängig von ihrer Herkunft die Chancen gleich sein. „Aber das geht nicht für alle auf dem gleichen Weg“, findet er. Seiner Ansicht nach besteht der Grundfehler im Bildungssystem, dass die schulischen Ausbildungswege hierarchisch gegliedert sind. „Vereinfacht gesprochen bedeutet dies, dass das Gymnasium das volle Programm anbietet, was dazu verführt, dass es die Nase hoch trägt“, sagt der Gymnasiallehrer. „Der mittlere Bildungsweg bietet das gleiche an, aber um ein Stück reduziert und die Hauptschule wiederum ein Stück weniger. So ist ja auch der Restschulgedanke aufgekommen.“

Ihm selbst schwebt eine andere Struktur vor, die parallel statt hierarchisch gegliedert ist. Es müsse weiterhin eine Schule geben, die gut auf ein Studium vorbereite. Aber: „Es müsste echte Alternativen geben, etwa einen handwerklich orientierten Ausbildungsweg oder einen sozial-pflegerischen, der Sachen vermittelt, die ein gymnasialer Zweig nicht anbietet“, findet Peters. Dennoch müsse eine hohe Durchlässigkeit gewahrt bleiben. Nicht jeder, der sich mit zehn Jahren für den handwerklichen Weg entscheide, wolle auch dabei bleiben. Diese Ausbildungsgänge könnten echte Alternativen sein, die den individuellen Talenten der Schüler entsprächen. Dies sei sinnvoller, als bis zu 60 Prozent eines Jahrgangs den Weg zum Abitur zu ebnen. „Wenn 60 Prozent Abitur machen, muss das Abi im Wert sinken“, sagt Peters.



Die Folgen spürten die Universitäten, die besonders in den Naturwissenschaften zahlreiche Vorkurse anbieten müssten und in den ersten Semestern hohe Abbrecherquoten verzeichneten. „Wir müssen aus der Denkweise raus, dass Schüler glauben, ohne Abitur oder Fachabitur hätten sie keine guten Chancen“, sagt Peters.

Dass die geplante Reform der gymnasialen Oberstufe, Schülern eine größere Fächerauswahl ermöglichen soll, begrüße die Vereinigung der Oberstudiendirektoren der saarländischen Gymnasien. „Die fünfstündigen Erweiterungskurse sollen wie früher wieder Leistungskurse heißen“, sagt Peters. Bisher konnten Schüler für die zwei E-Kurse nur zwischen einer Fremdsprache, Mathe und Deutsch wählen. Ein neuer Leistungskurs muss auch eines der drei Fächer umfassen, beim zweiten Leistungskurs könnten alle Fächer (außer dem Seminarfach) gewählt werden. Statt zehn Kursen sollen in der Oberstufe künftig elf gewählt werden. Dafür reduziert sich die Stundenzahl in den Grundkursen in den Nebenfächern von vier auf drei Wochenstunden. Es werde überlegt, die zweistündigen Grundkurse wie Religion, Musik und Kunst nur noch als schriftliche Abiturprüfungsfächer zuzulassen. Hintergrund sei, dass es zu einer „Inflation“ der mündlichen Abi-Prüfungen in diesen Fächern gekommen sei.

Für Diskussionen sorge auch die dritte Fremdsprache, die nicht nach zwei Jahren abgewählt werden könne. Dies solle wohl auch so bleiben. Die Folge sei, dass viele Schüler die zweite Fremdsprache – in der Regel Französisch – abwählten. „Die VOS ist der Auffassung, dass es möglich sein sollte, die dritte Fremdsprache nach zwei Jahren abzuwählen. Wir wollen der Frankreich-Strategie eine Chance geben“, erklärt Peters.