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Forschung
Erfolgreiche Reha und Therapie im Grünen

Die Natur kann bewusst als Baustein in der Therapie von Reha-Patienten eingesetzt werden.
Die Natur kann bewusst als Baustein in der Therapie von Reha-Patienten eingesetzt werden. FOTO: dpa / Uwe Zucchi
Homburg. Dass die Bewegung in der Natur in der Patienten-Reha gute Erfolge bringt, hat Dr. Elisabeth Boßlet aus Homburg in einer Studie nachgewiesen.

Wer bewusst in die Natur eintaucht, tut etwas für seine Gesundheit. Eine Reise ans Meer, ein Spaziergang im Wald, ein Streifzug durch blühende Gärten tun Körper und Seele gut, wie jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann. In Japan gilt „Waldbaden“ als Medizin.

Dass die Bewegung in der Natur ganz konkret auch als Teil der Therapie und Rehabilitation von Patienten eingesetzt werden kann und gute Erfolge zeitigt, belegt nun eine wissenschaftliche Studie, die die Homburgerin Elisabeth Boßlet im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Uniklinikum durchgeführt hat. Für ihre Promotion mit dem Titel „Natur als Ressource für die psychosomatische Rehabilitation“ erhielt sie den Boxberger-Preis der Boxberger-Stiftung in Bad Kissingen.

An der Studie beteiligten sich Patienten der Reha-Klinik Bliestal-Kliniken in Blieskastel mit psychosomatischen Störungen – dazu gehören zum Beispiel Depressionen, Angst- und Panikzustände, posttraumatische Belastungsstörungen oder auch Schmerzerkrankungen, Reizdarm oder auch die landläufig als Burn-out-Syndrom bezeichneten Erscheinungen – also eine ganze Palette an Erkrankungen, die immer mehr Menschen in der Wohlstandsgesellschaft heimsuchen.



„Die Idee zu der Arbeit entstand vor fast acht Jahren – den Einfluss der Natur auf die psychische und somatische Gesundheit messbar zu machen. Damals war das ein völliges Außenseiter-Thema“, erklärte Elisabeth Boßlet bei ihrem Besuch in der SZ-Redaktion in Homburg. „Ich bin meinem Doktorvater Professor Volker Köllner sehr dankbar, dass er sich dieser Idee annahm.“ Sie sei selbst sehr naturverbunden, erklärt die 32-Jährige, unter anderem beschäftigt sie sich schon lange mit Imkerei, „und man merkt ja an sich selbst, dass es einem guttut, sich in der Natur aufzuhalten“.

Diesen Ansatz verfolgte sie in ihrer Arbeit: Ein Jahr lang walkten und radelten rund 150 Patienten der Bliestal-Kliniken für die Studie. Die meisten hätten spontan zugestimmt und mitgemacht, so Boßlet. Dabei ging es vereinfacht gesagt, darum, dass ein Teil der Gruppe in der Umgebung der Bliestal-Klinik im Biosphärenreservat Bliesgau walkte, die Vergleichsgruppe trainierte in der Klinik in einem Raum auf dem Ergometer. Untersucht wurden das Ausdauertraining und die Körperwahrnehmung. Vor und nach den Trainingseinheiten wurde mittels Fragebögen – die teils selbst entwickelt waren – einerseits erhoben, wie sich die Patienten fühlten, andererseits, wie sich körperliche Beschwerden wie Gliederschmerzen oder Herzbeschwerden, veränderten. Über 3000 Fragebögen wurden ausgewertet. Die Ergebnisse waren eindeutig: „Sowohl das psychische als auch das körperliche Befinden besserte sich durch eine Therapieeinheit draußen signifikant stärker als durch eine Therapieeinheit drinnen – und das mit einem noch deutlicheren Effekt im Winter.“

Verschiedene andere Studien zeigen, dass Menschen schneller gesund werden, wenn sie ins Grüne schauen, statt auf eine Mauer. Das wies zum Beispiel der schwedische Forscher Roger Ulrich bereits 1984 nach: Wer die Aussicht ins Grüne hatte, wurde früher entlassen, außerdem kamen diese Patienten mit weniger Schmerzmitteln aus.

Berggipfel, das Grün des Waldes oder Wasser – was den jeweiligen Patienten anspricht, spielt natürlich auch eine Rolle, erklärt Elisabeth Boßlet. Einer der Studienteilnehmer sei aus dem Iran gewesen, „er kam aus einer sonnigen, eher kargen, offenen Landschaft, und empfand den dichten Wald eher als unheimlich.“ Und wenn jemand die Natur hasse und Panik vor Spinnen habe, müsse man das natürlich berücksichtigen. Dennoch hätten die Teilnehmer die bewussten Gänge in die Natur durchweg als wohltuend empfunden. Wobei „Bewusstsein“ ein wichtiges Stichwort ist. Denn es geht einerseits darum, sich zu bewegen, andererseits aber auch darum, bewusst auf die Umgebung zu achten. Wenn das Licht durch die Bäume scheint, der Wind in den Baumwipfeln rauscht, man die Sonne auf der Haut spürt und den kühlen Schatten der Bäume, den Duft der Tannen riecht und spürt, wie der Waldboden unter den Füßen federt – diese Sinneseindrücke bewusst aufzunehmen, lenkt von Beschwerden und Schmerzen ab. Das baut Stress ab, fördert die Erholung, kann zum Beispiel auch besseren Schlaf bewirken.

Wichtig sei zudem, den Patienten diese positive Wirkung der Natur bewusst zu machen, so Boßlet. Schließlich geht es auch darum, die Erfahrungen der meist sechs- bis achtwöchigen Reha dann auch mit in den Alltag hinüberzunehmen, um eine dauerhafte Besserung zu erreichen. Gern würde Boßlet, die als Ärztin an der Klinik in Münchwies arbeitet, ihre Forschung fortsetzen, und andere Standorte und Landschaftstypen einbeziehen zum Beispiel Meer oder Gewässer, und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit beziehungsweise Genesung. Aber wichtig sei es, die Chance zu nutzen und mit dem zu arbeiten, was vor Ort gegeben ist, erklärt sie, sei es der nahe See oder die Streuobstwiese.

Und noch ein Aspekt ist ihr wichtig: Die Arbeit soll auch dazu beitragen, Patienten den Nutzen, den ihnen die Natur bei der Genesung geben kann, nicht vorzuenthalten und Klinikstandorte im Grünen oder im ländlichen Raum zu fördern – und nicht durch tagesklinische Strukturen in großstädtischen Zentren zu ersetzen.

Elisabeth Boßlet wurde für ihre Promotion mit dem Boxberger-Preis ausgezeichnet.
Elisabeth Boßlet wurde für ihre Promotion mit dem Boxberger-Preis ausgezeichnet.