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Erinnerungen an die Nazizeit
Eine Schulstunde mit Doris Deutsch

 Doris Deutsch zeigte bei ihrem Vortrag den Schülern Robert Bosch-Schule originale Dokumente, etwa den amerikanischen Pass ihres Mannes.
Doris Deutsch zeigte bei ihrem Vortrag den Schülern Robert Bosch-Schule originale Dokumente, etwa den amerikanischen Pass ihres Mannes. FOTO: Sebastian Dingler
Homburg. Doris Deutsch, die Witwe von Alex Deutsch, schilderte als Zeitzeugin den Schülerinnen und Schülern der Homburger Robert-Bosch-Schule die Nazi-Zeit aus eigener, aber auch aus der Erfahrung ihres verstorbenen jüdischen Mannes. Von Sebastian Dingler

Ziemlich beeindruckt und mitgenommen schienen die Schüler der Klassen 10a und 10b nach dem Dokumentationsfilm über Alex Deutsch zu sein. Die Anwesenheit von Deutschs Witwe Doris nutzten hinterher nur wenige, um Fragen zu stellen.

Alex Deutsch war 2011 im Alter von 97 Jahren gestorben. Als Jude verlor er Frau und Sohn in Auschwitz, er selbst überlebte unter unvorstellbar schrecklichen Umständen. Er ging nach dem Ende der Naziherrschaft in die USA, kehrte aber 1978 nach Deutschland zurück, wo er Doris Deutsch heiratete. Von da an bis zu seinem Tod lebte er in Wiebelskirchen.

Seine Frau setzt fort, was Alex Deutsch in fortgeschrittenem Alter schon begann: Schülern von seinem Schicksal zu erzählen. In Zusammenarbeit mit dem Adolf-Bender-Zentrum besucht sie Schulen und zeigt den Dokumentarfilm.



Auch wenn Doris Deutsch keine Jüdin ist, hat sie doch auch schlimme Kriegserlebnisse gehabt, die die Schüler sehr beeindruckten. Das galt besonders für Doris Deutschs Erinnerung daran, als sie im Kindesalter einmal von ihrem Großvater nicht nach draußen gelassen wurde, wahrscheinlich weil er wusste, dass ein Angriff drohte. Kurz darauf zeigte er ihr drei ältere Schulkameraden, die von einer Bombe zerfetzt oder erschossen worden waren.

Eine Schülerin fragte hinterher, ob Doris Deutsch über die derzeitige Popularität der AfD erschrocken sei. Der 82-Jährigen fiel dazu eine schlimme Geschichte ein, die sie erst dieses Jahr erlebt hat: Nämlich als eine Nachbarin während eines Streits zu ihr sagte, „der Hitler hat vergessen, noch eine Jüdin zu vergasen“.

Da sei sie sprachlos gewesen. Diese Nachbarin habe zwei Kinder, das älteste sei so alt wie Alex Deutschs Sohn, als er in Auschwitz ermordet wurde. „Das muss man sich mal überlegen!“, kann es Deutsch kaum fassen, dass ihr ein solcher Spruch entgegenkam.

Ihr Mann habe in den Achtzigerjahren etwas Ähnliches erlebt, als ein Mann zu einer Gesprächsrunde tatsächlich mit dem Hitlergruß in den Saal gekommen sei. Da habe Alex Deutsch schon aufgeben wollen mit seiner Aufklärungsarbeit. Die Schüler fragten zwar nicht viel, es war aber erkennbar, dass die Botschaft bei ihnen angekommen war. Einer sagte während der Schulstunde: „Ich fand’s ganz wichtig, mit jemandem zu reden, der zu der Zeit gelebt hat. Es gibt ja immer die Gerüchte, der Holocaust wäre erfunden. Durch so was kann man diese Gerüchte komplett verbannen.“

Im Nachhinein gaben einige Schüler gerne Auskunft, so etwa der 15-jährige Luca: „Ich fand das schon krass. Ich habe selber die Erfahrung mit meiner Uroma, die war bei den Kinderlandtransporten dabei, wurde auch ins Ausland gebracht. Das hat mich stark mitgenommen. Ich finde das richtig toll, dass sie in die Schule kommt und uns das beibringt. Es ist hilfreich, die ganze Sache zu verstehen.“

Robin (15) meinte: „Das war schockierend mitzubekommen, wie das damals wirklich war. Da steht jemand vor einem, der die Erfahrung mitteilen kann und das vom Mann miterlebt hat. Und dass sich niemand dagegen gewehrt hat.“

Lars (15) sagte: „Ich finde es extrem krass, dass Doris Deutsch das solange durchmacht, trotz des Vorfalls, wo jemand reinkommt und Heil Hitler sagt. Ich finde, das geht absolut gar nicht, da hat man in dem Moment so wenig Respekt vor so einem schrecklichen Thema. Ich finde es toll, Frau Deutsch so offen darüber spricht. Das ist sehr informativ.“

Jannick (15): „Ich fand’s wirklich interessant, dass Doris Deutsch heute da war. Ich hab noch nie mit einer Zeitzeugin gesprochen. Ich fand’s krass, was sie damals erlebt hat, vor allem, was sie in den letzten fünf Minuten erzählt hat, dass sie drei tote Jungen gesehen hat, von den Bomben zerfetzt.“

Yannik (16): „Ich interessiere mich sehr für das Thema, aber was ich heute gehört habe, ist im Unterricht gar nicht so rübergekommen. Wir waren während der Projekttage im KZ Natzweiler-Struthof, auch dort habe ich neue Infos bekommen. Aber von einer Person, die selbst betroffen war, das alles zu hören, das hat das getoppt. Ich habe höchsten Respekt vor dieser Frau, dass sie so offen darüber reden kann. Dass sie uns Filme von ihrem verstorbenen Mann gezeigt hat - ich wüsste nicht, ob ich das könnte.“